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Nun sitzen wir vor unserem Bungalow in Jimbaran, Linus und Nils üben Englischvokabeln, Ida hört 5 Freunde und ich sitze mit Laptop unter einer Klischee-Palme neben dem Klischee-Pool und weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.

Wir sind in eine völlig andere Welt katapultiert worden und der Stress kurz vor der Abreise liegt gefühlte Lichtjahre zurück. Die letzten Tage waren vollgepackt mit wunderschönen aber traurigen Abschiedsfeiern, außerdem mussten wir ja die Wohnung auf- und für unsere Untermieter umräumen, letzte Besorgungen machen, Jobs abschließen, Linus bei seinem letzten E-Gitarrenkonzert applaudieren, den bereits erwähnten Schnaps leer trinken (keine besonders schlaue Idee eigentlich..) und natürlich: Packen! 

Bis zur letzten Sekunde sind uns noch Dinge eingefallen, die unbedingt mit müssen, oder vielleicht doch da bleiben sollten. Ist gar nicht so einfach, sich auf 4 Rucksäcke zu beschränken (von denen zwei ja laut Globetrotterverkäufer quasi nichts wiegen dürfen um den Rücken der Kinder nicht dauerhaft zu schädigen. Stimmt sicherlich, aber warum müssen Grundschüler dann jeden Tag tonnenweise Bücher und Kopien durch die Stadt schleppen? Das Thema diskutierten wir allerdings lieber nicht mit ihm, nachdem er uns bereits vehement erklärt hat, warum Sexualaufklärung in der Grundschule eine Zumutung sei, beschränkten wir uns ganz auf das Thema „Rucksack“.)

Mit diesen 4 Rucksäcken, ein bißchen Handgepäck und einer fast betäubenden Aufregung wurden wir dann von unserem Schwager und seinen Töchtern zum Flughafen gefahren. Hanna hatte extra ein Schild gemalt mit unserem Logo drauf und Kristin hat einen wunderschönen, rührenden Brief gebastelt. Es gab unzählige Momente in den letzten Tagen, in denen einem klar wurde, wie sehr man sein Leben mag, so wie es ist, wie sehr man an den Freunden, der Familie, den Wegen, den Routinen, all dem, was das eigene Leben eben ausmacht, hängt. Dieser war einer davon.

Check-in, Boarding alles unkompliziert, mit üppiger Verspätung geht’s dann endlich los.

Der Start ist trotz aller flugangstbedingten Bedenken ein voller Erfolg: Ida quiekt und jauchzt lautstark durch den Flieger, als dieser immer schneller rollt und dann endlich abhebt! Die Kleine ist ganz aus dem Häuschen und uns wird bewusst, dass sie sich an ihre letzten Flüge wohl nicht mehr erinnert.

Während sie die Mitreisenden belustigt mit Ausrufen wie „oha, is das geiöööl!“ kann Linus sein Glück kaum glauben und murmelt immer wieder fassungslos vor sich hin: „ich kann das einfach nicht realisieren! …ist das wirklich wahr??“ Im Gegensatz zu seiner Schwester kann er die ganze Unternehmung ja einordnen und dankt uns sogar dafür, dass wir diese Reise machen. Und soviel Geld für ihn ausgeben. Lino halt…

Der Flug ist ruhig, für die Großen gibt es Singha Bier, für Ida einen Schokopudding mit draufgekleckstem Grinsegesicht, für Linus eine unbewältigbare Menge an Spielfilmen. Er macht während den gesamten 10 Stunden Flug kein Auge zu, dafür knackt er dann fix und fertig in Bangkok vor dem Gate für unseren Weiterflug ein. Wir müssen den armen Kerl zum Boarding wecken, eine Tortur. Ida macht ihm das kurz vor der Landung in Bali nach. 

Eine nicht unbedeutende Leidensphase später stehen wir mit ein paar Millionen Indonesischen Rupien und 4 Visa in der Tasche vor dem Flughafen Denpasar. Es ist warm, surreal, tausend Typen bieten einem ihre Taxidienste an, wir entscheiden uns willkürlich für einen in seriöser, blauer Uniform und bezahlen, wie alle unerfahrenen Touristen, einen viel zu hohen Preis. Obwohl man das natürlich vorher gelesen hat… egal. Nach diesem Flug fühlen wir uns wie schlecht gefaltete Origamikraniche nach drei durchfeierten Nächten. Er bringt uns sicher durch den für uns unfassbar chaotischen Verkehr raus aus der Stadt. Ida schwärmt währenddessen entzückt: „Ich wünschte, wir hätten auch so einen schönen Flughafen“ und aus Linus platzt es schon nach wenigen Minuten heraus: „Ich könnte mir vorstellen, hier zu wohnen!“

Kinder landen einfach unglaublich schnell.

Wir sind total geflasht vom Verkehr, kreuz und quer drängeln sich die Motorroller zwischen den mengenmäßig unterlegenen Autos, Bussen und Lastwagen rum, Linus Vespa-Fixierung erlangt ihren Höhepunkt als er realisiert, dass hier auch Kinder und Jugendliche rumdüsen, Kleinkinder einfach zwischen zwei Erwachsene geklemmt werden oder sogar lässig auf dem Trittbrett stehen.

Das Hotel ist gut, die Kinder finden es „Luxus!“ und hüpfen sofort in die verschiedenen kleinen Pools. Auf unserem Bett sitzt ein aus Handtüchern gekneteter Elefant, willkommen auf Bali – schön, dass wir hier sind!

Wegen der Nähe zum Äquator geht die Sonne ganz schön früh unter, wir haben Hunger und laufen zum Strand, wo viele bunte Fischerboote liegen. Ihr Fang wird in kleinen Restaurant gegrillt und wir verspeisen ihn an einem Tisch mitten auf dem Strand. Als die Flut kommt werden die Tische entsprechend verrückt, wir rücken mit, genauso wie wir den Motorrollern ausweichen, weil der Gehweg kaputt, voller Müll oder alle paar Meter mit Opfergaben bedeckt ist. Es fällt überhaupt nicht schwer mit dem Flow zu gehen.

Am nächsten Morgen verpennen wir glatt das Frühstück, trinken stattdessen frische Säfte und stapfen in der Mittagshitze an den Strand, eine sehr durchdachte Aktion die uns natürlich direkt einen Sonnenbrand einhandelt. Oh Mann, Anfänger…

Aber es ist ein wunderschöner Strand mit vielen Bars, Fischern, gelbem Sand und abgestorbenen Korallenteilchen, natürlich ganz anders als die Strände in Europa, schmutziger und improvisierter, irgendwie auch lustiger. Die Menschen sind wie in jedem Reiseführer beschrieben nett und offen, sitzen an der Straße vor ihren Lädchen oder Hauseingängen und grüßen, bieten Speisen an, alles wirkt trotz Tourismus sehr indonesisch.

Es ist der Moment in dem man meint, jetzt die erste frische Kokosnuss trinken zu müssen. Die Kinder wollten es auch uuuuuuuunbedingt probieren – und fanden es ganz gräßlich! Mir ging’s ehrlich gesagt genauso. Der tapfere Nils hat eine weggekämpft und eine zweite heimlich in den Sand gekippt. Also doch wieder zurück zu frischen Säften und Bier!

So viele Details.. sorry, der Wahrnehmungsfilter funktioniert noch nicht, man findet gerade noch jede Kleinigkeit wahnsinnig wichtig, jeden Gecko der über die Zimmerwand tapst, die Klänge, die Gerüche, alles ist neu und bedeutend, was uns wahrscheinlich in einer Woche schon nicht mehr auffällt.

Linus erinnert mich immer dran, wenn er etwas besonders bedeutend findet, dass ich das auf jeden Fall schreiben muss. Zum Beispiel, dass er heute einen echten Waran streicheln durfte, der  mit seinem Kollegen träge und drachenartig am Straßenrand in einem Käfig saß. Das hatte was ganz Magisches, diese Tiere sehen ja aus wie eine ziemlich gekonnte Animation aus einer andere Welt, mit ihren schönen, zeitlupenartigen Bewegungen.

Außerdem haben wir heute einen Fahrer kennengelernt, der uns morgen ein paar schöne Orte zeigen will und dann zum nächsten Hotel bringt. Nach einer halben Stunde Plauderei auf der Straße ist man schlauer, als nach dem Studium des Reiseführers (oder geht das nur mir so, dass das Hirn beim Umblättern immer alle Informationen löscht? Wahrscheinlich..) 

Mittlerweile ist es Abend, wir sind müde und gespannt auf den morgigen Tag.

Draußen lullen balinesische Gesänge durch die Straße und wir suchen euch noch ein paar Fotos der letzten Tage raus, die erzählen dann den Rest, den ich jetzt vergessen hab.

HATI – HATI

Der letzte Morgen in Jimbaran hält ein besonderes Geschenk für uns bereit: Tropenregen. 

Gerade noch sage ich zur im Pool planschenden Ida, sie solle mal reinkommen, da es gerade zu tröpfeln anfängt, als es sich schlagartig und wie aus Kübeln über J I M B A R A N ergießt. Von unserer Terrasse aus können wir das Spektakel bestaunen, Linus meint beeindruckt: „Dieser Regen will aber wirklich zielstrebig zu Boden!“

Wir werden von Wayan, dem Fahrer, den man aus Gründen der eigenen Unversehrtheit inklusive Auto mietet, abgeholt und durch die Wassermassen sicher zu unserem nächsten Hotel gebracht. Für die paar Kilometer brauchen wir 1,5 Stunden, die Straßen sind entweder verstopft oder überschwemmt oder beides. Viele Straßen sind gar nicht befestigt und es ist für uns ein kleines Wunder, wie Wayan ganz entspannt den Weg nach B A L A N G A N meistert.

Seine Devise ist immer „hati, hati“, also „langsam, langsam“, was uns unter diesen Umständen ziemlich sinnvoll erscheint. Auf der Fahrt erfahren wir ne Menge durch die Gespräche und lernen, indo-englisch zu dekodieren: „wipe“ heißt „wife“, „trappic“ ist „traffic“ und „fipeausend“ natürlich „five thousand“. 

Zum ersten Mal sehen wir was von der Landschaft und trotz des starken Regens erkennt Linus sofort, dass es „voll Jurrasic-World-mäßig!“ aussieht.

Die neue Hütte ist der Hammer! Augenreiben, nochmal gucken. Ja doch, in diesen Südseetraum dürfen wir einziehen. Ein Bambushüttchen mitten im Paradiesgarten, mit oberschickem Aussenbad und einer Extraebene für die Kinder. Diesmal sind die Handtücher kunstvoll zu zwei küssenden Schwänen arrangiert, Ida findet es „soooo romantisch“, arrangiert sich selbst possierlich daneben und besteht darauf, dass ich sie fotografiere – damit ihre Kindergartenbuddys das auch sehen können. 

Überhaupt vermisst sie das Kinderhaus sehr, erzählt viele Geschichten von den Dinokindern und will ihnen am liebsten alles sofort erzählen.

Da es nicht aufhören will zu regnen bekommt Linus eine größere Einheit Unterricht: Harry-Potter-Wochendiktat, Einheiten von Längen umrechnen und Gitarrenakkorde zu seinem Lieblingssong „Help“. Der Regen plätschert dazu rhythmisch aufs Grasdach, Schule könnte schlimmer sein, gell?

Der Surfstrand B A L A N G AN  B E A C H ist keine 5 Minuten entfernt und ziemlich attraktiv für Surfer aus aller Welt, die ihre Boards mit speziell dafür gebastelten Motorrollern die waghalsig steile Schotterpiste herunter bugsieren. Die Wellen sind wild und jagen uns tausende Steinchen um die Beine, was das Badevergnügen etwas mindert und die Liste der Dinge, die wir beim Packen vergessen haben erweitert: die Gummi-Badeschuhe! Sie gehören zu den Dingen, die in letzter Sekunde doch nicht in den Rucksack wandern durften, weil zu viel Volumen und Gewicht. Unsere zerkratzen Füße verfluchen diese Entscheidung.

Man könnte sie ja mit einem Henna-Drachen-Tattoo verschönern, das uns penetrant angeboten wird, oder in einen Sarong wickeln, dazu gäbe es dann wahlweise „very cheap“ Sonnenbrillen, Hüte, Eiscreme… alles wird uns freundlicherweise im 10-Minuten-Takt direkt am Handtuch angeboten („why noooot? don’t be shy!“) und es gibt quasi kein Argument der Welt, was die Verkäufer davon abhalten würde, nicht wieder zu kommen.

Den Strand säumen Warungs (einfache Restaurants) und Surfschulen auf Holzstehlen. In Froggy’s Warung essen wir Frühlingsrollen, Chicken-Burger und Cap Cay Ayam, trinken dazu frische Säfte und blicken aufs Meer, wie es sich zurückzieht und den steinigen Untergrund freilegt. 

Hinter den Holzhütten stapelt sich der Müll, tonnenweise Kokosnussschalen, Plastikflaschen, Kaputtes und Unbrauchbares, was irgendwann verrottet, abgeholt oder einfach verbrannt wird. Erstaunlich schnell irritiert es einen nicht mehr, vor allem die Kinder scheint es nicht zu wundern, dass wirklich überall Müll rumliegt, die Straßen kaputt sind und die Leute in ganz winzigen, scheinbar provisorisch zusammengezimmerten Buden wohnen. Jede Bude ist gleichzeitig ein Shop, ein Kiosk, eine Wäscherei, eine Touristeninformation oder ein Taxiservice.

Vor jeden dieser Hauseingänge werden (manchmal mehrmals täglich) Opfergaben platziert. Das sind kleine Körbchen aus geflochtenen Palmenblättern, die mit allerlei Blumen und wahlweise Reis, Bonbons, Geld oder Keksen befüllt werden. Die darin steckenden Räucherstäbchen sorgen für einen omnipräsenten Duft. So also riecht Bali.

Und schmecken tut Bali! Vor allem zum Frühstück im Hotel, da schmeckt es nach Pfannkuchen mit Honig und Schokostreuseln, nach frittierten Bananen, Marmeladentoasts, Croissants, Kuchen, Eiern, Obst… ein Paradies für unvernünftige Kindermägen. Die dann mit Kohlenhydraten gefüllt erst mal in den Pool hüpfen. Schon klar, dass das nicht das wirkliche Leben ist, das ist nämlich durchaus irritierend.

Am nächsten Tag holt uns Wayan für eine kleine Touri-Tour ab, zunächst besichtigen wir eine Kaffeefarm, allerdings kein banaler 0815-Bohnenkaffeeanbau. Hier wird recht anschaulich (…und vermutlich etwas romantisiert) dargestellt, wie die Bohnen ihren Weg durch den Luwak-Verdauungstrakt finden, um dann fermentiert wieder ausgeschieden zu werden (Luwaks sind so was Katzenaffenähliches). Der Kaffee ist megateuer und für uns Weicheier viel zu stark, aber die 12 anderen Kaffee- und Teesorten, die wir kosten dürfen schmecken zum größten Teil superlecker. Linus, die alte Kaffeekanne, kann gar nicht genug bekommen, wir müssen ihn echt bremsen, damit er keinen Koffeinschock bekommt.

Was die Kinder aber noch viel mehr fasziniert sind 2 kleine Papageien, die da dekorativ in einem hübschen Käfig hocken, sogenannte „Lovebirds“ aus Afrika. Ida und Linus bleiben total auf dem Thema hängen, wollen wirklich alles über diese Vögel wissen und vor allem nach der Weltreise selbst welche bekommen. Leichtsinnigerweise stimmen wir dem zu und bekommen dafür die nächsten Tage eine Vogel-Kassette in Dauerschleife ins Ohr gedrückt.

Danach geht’s zum Baden an den schönen aber supervollen P A D A N G – P A D A N G – B E A C H, wir genießen das Badewannenwasser und erliegen nun endlich der Hartnäckigkeit der Sarong-Verkäuferinnen. Ach, so zwei luftige Tücher, die werden doch noch irgendwie in den Rucksack passen…

Auf dem Rückweg muss man höllisch aufpassen, dass einem die freilebenden, frechen Affen nix mopsen. Sie klettern überall herum und lauern auf Sonnenbrillen, Handys und unbeobachtete Wasserflaschen, die sie sich besonders gerne schnappen, mit den Zähnen ein Loch reinbeißen und sie dann weg exen.

Wir wurden von Wayan entsprechend gewarnt und haben alles vorbildlich verstaut, so können wir das Spektakel bei anderen Besuchern beobachten.

Diese Affen leben auch auf dem Gelände des berühmten Tempel in U L U W A T U, den wir zum Sonnenuntergang besichtigen. Dort wird jeden Abend die gleiche indonesische Geschichte hoch oben auf der Klippe in Szene gesetzt, mit Tanz, Gesang und aufwendigen Kostümen. Dass es sich dabei offensichtlich nicht um einen Geheimtipp handelt, wird uns sofort klar, als wir die Reisebusse anrollen sehen. Also sitzen wir mit tausend anderen, in lila Tempelsarongs gewickelten Touris in einem großen Amphitheater und versuchen der Geschichte zu folgen – wie immer geht’s eigentlich um Liebe und Verrat.

Am Ende kommt die heiß ersehnte, finale Feuershow, bei der der Affenmensch brennende Feuerballen durch die Manege kickt und dabei tatsächlich einen Tourist in der ersten Reihe erwischt, der natürlich sofort Feuer fängt! Er wird aber schnell (fast zu routiniert..) gelöscht, vermutlich fiel nur der Polyester-Sarong der Show zum Opfer, der Typ hat zu Hause auf jeden Fall was zu erzählen. 

Danach warten die Darsteller und machen geduldig Fotos mit albernen Touristen. Natürlich will Ida auch unbedingt ein Foto mit der Prinzessin und dem Affenmenschen, um das den Kindergartenkindern zu zeigen. Euphorisch will sich mit den Worten: „ich geh dann schonmal vor“ ins unübersichtiche Getümmel stürzen – wovon wir sie gerade noch abhalten können, wir begleiten sie doch lieber.

Als wir zum Auto zurückkommen hat Wayan eine rührende Überraschung organisiert. Während des Tanzspektakels hat ihm ein Freund, der Bambusflöten herstellt, ein Exemplar für Nils vorbei gebracht. Auf der gesamten Heimfahrt durch die nächtlichen Straßen werden wir vom Bambus beflötet.

Die restliche Zeit in B A LA N G AN vergeht langsam und entspannt, hati-hati, die Kinder sind viel im Pool und streiten sich gerne um Belanglosigkeiten, wir erfreuen uns an großen Fröschen, sprechenden Vögeln, Geckos und Kätzchen und ich verfluche die Moskitos, die leider total auf mich stehen. Ida sammelt jeden Tag tonnenweise duftende Frangipani-Blüten, findet eine elsässer Freundin zum Playmobilspielen und Linus lernt Auf- und Abrunden. Für seine Unterrichtsinhalte sorgt ja zum größten Teil die Reise selbst, wie zum Beispiel die Sporteinheit „Surfen“. Im Vergleich zum Sommerurlaub in Contis hat er echte Erfolgserlebnisse und plumpst kaum mehr vom Brett – megaglücklich und kein bisschen erschöpft will er natürlich mehr davon.

Aber wir haben uns erstmal was anderes ausgedacht: Ein Trip im James Bond-Style! 

Mit dem Fastboat (oder auf indonesisch auch „paspoot“, was im Gesprächskontext meistens keinen Sinn ergibt, wenn man es fälschlicherweise als „Passport“ entschlüsselt) geht’s rüber nach N U S A  L E M B O N G A N  zum Tauchen!

Linus ahnt noch nichts von seinem Glück, aber er und Ida finden schon die rasante, achterbahnmäßige Überfahrt großartig. Endlich sind sie sich mal einig! 

Nils und ich sind uns auch ziemlich einig und sehr froh, als wir endlich wieder Land unter den Füßen haben.

L E M B O N G A N ist ganz winzig, die Dichte an Tempeln entlang der Straße ist beeindruckend, unsere Hütte allerdings sehr schlicht, ohne Klimaanlage, mit kalter Aussendusche und Wassereimer statt Toilettenspülung. Natürlich purzeln uns gleich zwei Klorollen in eben diesen Eimer, was sie ziemlich unbrauchbar macht… 

Aber es gibt 2x am Tag Yoga bei einer wenig charismatischen Australierin, die mit breitestem Akzent und in einem Affenzahn Yoga-Weisheiten über innere Zufriedenheit und Körper-Geist-Einheit von sich gibt. Erschlagen von der ungewohnten Wortdichte konzentriere ich mich aufs Atmen und die Übungen, überhöre ihren Vortrag und stell mir meine wundervolle, sanfte Pilates-Lehrerin aus Wiesbaden vor.

Ansonsten tummeln sich hier vorwiegend junge Backpacker, süße Baby-Geckos und bösartige Tigermücken. Das Ida-Kind ist oberglücklich, dass es wieder einen Pool gibt, sie hat nämlich das Schnorcheln für sich entdeckt und triftet jetzt schon seit Stunden völlig zufrieden im Wasser herum.

Nils und Linus bekommen direkt eine Runde Tauchunterricht im Pool verpasst, mit Flossen an den Füßen und dicken Flaschen auf dem Rücken geben die beiden einen 1A Bond ab.

Heute durften sie dann das erste Mal in voller Montur in den Ozean abtauchen!

Aber darüber kann ich leider nichts schreiben, war ja nicht dabei, das sollen die also mal schön selbst machen…

Wir werden euch noch ein paar Bilder raussuchen und eine riesendicke Umarmung durchs Netz schicken!

<3 Eva, Nils, Linus und Ida

LINUS:

Wir sind mit ungefähr 12 Männern und Frauen mit einem Motorboot auf den Ozean gefahren . Nach ungefähr 30min sind wir an der Stelle angekommen wo wir ins Wasser gehen sollten. Wir haben unsere Anzüge und Flossen angezogen. Als unsere Lehrerin sagte, dass wir vom Boot springen konnten, ließen erst die Lehrerin und Nils sich fallen, dann durfte ich rein. Als ich im Wasser war, lies einer von den Mitarbeitern auch meine Sauerstofflasche mit der Weste ins Wasser. 

Im Wasser besprachen wir noch ein par Sachen und dann kam das Zeichen zum Abtauchen. Wir mussten Luft aus der Weste lassen damit wir sinken konnten. Als wir unter Wasser wahren hörte sich das Atemgerät komisch an und die Luft in der Sauerstofflasche war kalt und trocken. Als wir in die Tiefe gegangen sind, habe ich den Druckausgleich nicht hinbekommen und meine Ohren haben höllisch wehgetan, aber Nils und die Lehrerin haben es anscheint gut hinbekommen. Für den Druckausgleich gibt es mehrere Methoden um ihn zu machen. Eine ist zum Beispiel: die Nase leicht zudrücken so das keine Luft raus kommt, dann muss man mit der Nase ausatmen und das beim Abstieg sehr oft machen. Oder: Bei manchen genügt es auch zu schlucken. Wir sind also nach unten getaucht und fast wäre mir das Atemgerät aus dem Mund gefallen, direkt sahen wir einen Hai aber leider war es ein kleiner. Die Fische sehen dort unten ganz anders aus als wenn man einfach mit der Taucherbrille mal runter guckt und ein paar kleine Fischchen sieht. Im Gegenteil, da unten sind Riesenfische. Es gibt dort auch Mantarochen aber leider haben wir keine gesehen. Der erste Tauchgang war eher trüb, aber beim zweiten war das Wasser richtig rein und man hat zwar nicht so viele Fische wie beim ersten gesehen aber dafür schönere. Wir haben tausende bunte Korallen geshen und sind mit der Strömung getaucht. Bei der Bootsfahrt und Pause habe ich leider von Deck gebrochen und ich glaube Nils ging es auch nicht so gut, obwohl wir beide eine Tablette gegen Seekrankheit bekommen haben. 

INSELKINDER

VON LEMBONGAN NACH TRAWANGAN

Das Mini-Inselchen N U S A   L E M B O N G A N ist schnell zu einem neuen Zuhauseort geworden. Obwohl überall indonesisch-geschäftiges Treiben herrscht hat es eine gewisse Entspanntheit, die sich auf uns überträgt. Es gibt kaum Autos hier, dafür aber umso mehr Motoroller. Es dauert nicht besonders lange, da sitzen wir auch aufm Roller und erkunden nach anfänglichen Bedenken, helmfrei und in Eigenregie die Insel, kurven durch das wimmelige kleine Hauptörtchen Lembongan, vorbei an Mangrovenwäldern und durch das landwirtschaftliche Hinterland, suchen angeblich besonders schöne Strände und Buchten auf (wo allerdings überall schon tonnenweise chinesische Touristen in bunten Flatterklamotten hingekarrt wurden), Essen am Wegesrand scharfes Zeugs und genießen unsere scheinbar grenzenlose Freiheit.

Linus sitzt hinter mir und doziert abwechselnd über die Verkehrsregeln (also: Linksverkehr bedenken, rechtzeitig und möglichst oft hupen, immer auf die Anderen achten und im Slalom die Schlaglöcher umfahren) oder versucht mich zum Gas geben zu überreden, indem er mich provokant als „lahme Ente“ beleidigt. Natürlich bleibe ich davon gänzlich unberührt und tuckere bedachtsam weiter, bin mir ja meiner Verantwortung und dem kostbaren Gepäck hinter mir voll bewusst. 

Er kann es auch nur sehr schwer akzeptieren, dass wir ihn nicht selbst fahren lassen, wo sich hier doch wirklich alle Kinder auf Rollern fortbewegen, als wäre es das Normalste der Welt. 

Sogar der komplette Schulhof steht voll mit den Dingern! Und wenn um 12h die Schule endet, begegnen einem nicht enden wollende Rollerschwärme mit uniformierten Schülern und Schülerinnen mit roten Schleifchen in ihren geflochtenen Zöpfen.

Benzin kann man alle paar Meter kaufen. In 1,5 Liter Plastikflaschen wird es am Wegrand angeboten und durch einen Filter in unseren Tank gekippt, kostet ca. 2 Euro und reicht um noch ein paar mal um die Insel und auch über die knallgelbe Brücke rüber auf die hübsche Nachbarinsel N U S A   C E N I N G A N zu gurken.

Man hört oft, Lembongan wirke wie ein Bali aus früherer Zeit. Das können wir leider nicht beurteilen, aber es fühlt sich ganz danach an, wenn die Boote voller Waren, Gasflaschen, Trinkwasser und Möbeln anlegen und von vielen Helfern stundenlang entladen werden. Oder wenn  die unzähligen Hähne durch die staubigen Gassen staksen, Abends die Bewohner mit ihren schläfrigen Hunden am Strand sitzen oder ihre schwarz-rot-weißen Drachen steigen lassen und die Kinder zwischen den Booten im Wasser planschen. Wir wollen unsere ersten Postkarten schreiben, aber leider hat Lembongan keine Post. Dafür umso mehr Tempel aus denen kehlige Gesänge und glockige Gamelanklänge durch die Luft wabern. 

Es regnet wieder mal tropisch zum Abschied. Wir werden morgens von einem kleinen Pick-up eingesammelt und zum Boot nach G I L I   T R A W A N G A N  gebracht. Die Fahrt ist hobbelig, das kleine Transportboot schwankt gewaltig und das große Fast-Boat ist eine mittlere Katastrophe für unsere Nerven und Linus Magen. Nur Ida scheint das alles cool wegzustecken, sie guckt völlig begeistert Avatar ohne Ton und findet den Seegang wie immer unterhaltsam.

Zweieinhalb Stunden später landen wir fix und fertig und mit gefüllter Kotztüte im Gepäck auf G I L I   T  R A W A N G A N.

Es ist von den 3 traumhaften Gili-Inseln, die zu L O M B O K  gehören, die lauteste mit den meisten Touristen, die hier neben Ruhe und Entspannung vor allem das Nachtleben und die Partyatmosphäre schätzen. Und genau das ist vermutlich auch der Grund warum wir gefühlt die allereinzige Touri-Familie auf der Insel und damit eine kleine Attraktion sind.

Wenn wir die sandige Hauptstraße am Strand entlang schlendern sprechen uns die Einheimischen an, nicht nur um Kettchen, Massagen oder ein Platz in ihrer Strandbar anzupreisen, sondern meistens um zu erfahren wie die Kinder heißen, wie alt sie sind und wo wir her kommen. Linus handhabt das ganz souverän und wird nach kurzer Zeit mit „brother“ oder „boss“ angesprochen und mit high-five abgeklatscht. Auch die schüchterne Ida muss sich irgendwann nicht mehr schinant in meine Beine bohren. Sie lernt ziemlich schnell die vier Standartantworten auf die vier Standartfragen und teilt jedem, der’s wissen will mit, dass sie aus „Germany“ kommt, es ihr „good“ geht, sie „five“ Jahre alt ist und „Ida“ heißt. Letztere Antwort löst überall ein entzücktes Glänzen in den Augen aus, da Ida ein indonesischer Name ist, der quasi für die höchste Kaste und Priester steht. 

Ida Ayu, die Schöne, ist also der Star auf Trawangan und sie lernt dabei etwas selbstbewusster und mutiger mit den Leuten zu kommunizieren. Nach ein paar Tagen klatscht sie auch ab und wirft ihnen „hello“s und „byebye“s zu. Es bestätigt sich wieder täglich, was Linus und Ida schon auf Bali aufgefallen ist, wie unheimlich offen, freundlich und unkompliziert die Menschen hier sind.

Trawangan unterscheidet sich von Bali und Lembongan vor allem dadurch, dass es hier überhaupt keine Hunde, Autos oder Roller gibt. Statt dem ständigen Gehupe hört man hier nur das Gebimmel der vielen Pferdekutschen und, weil es ein muslimisches Land ist, den Muezin – der allerdings in einem merkwürdigen Duett mit Bob Marley singen muss, da wirklich jede Bar die Hits des Reggae-Kings voll aufdreht. Scheint aber keinen hier zu stören. 

Viele Frauen tragen Kopftuch und viele Touristinnen trotzdem nicht mehr als ihren Bikini. Bevor man einen Laden oder ein Haus betritt zieht man immer seine sandigen Schuhe aus und neben Alkohol werden auch überall „magic mushrooms“ angeboten. Bisher haben wir eine anständigen Bogen darum gemacht und sind beim kühlen Bier geblieben, nur Ida hat mich schon gefragt: „Mama, darf ich auch mal diese Pilze, dann bin ich gut drauf!“

Unsere Unterkunft ist ziemlich einfach und etwas schmuddelig, dafür günstig und unmittelbar am Strand gelegen. Man stolpert sozusagen aus dem Zimmer in die Hängematte und wenn einem nach Abkühlung ist tappst man (mit den neuen Badeschuhen bewaffnet) ins türkisblaue Wasser und schwimmt ne Runde mit Riesenschildkröten und bunten Fischen. 

Ein unfassbar erhebendes Erlebnis für uns alle. 

Nachdem wir in einer Strandbar ziemlich schlechtes Essen zu hohen Preisen gegessen haben und nach den Winzportionen immer noch hungrig weiterziehen, entdecken wir einen wuseligen Nachtmarkt, auf dem ausschließlich indonesische Speisen angeboten und frisch gegrillt werden. 

Nils und ich sind sofort Feuer und Flamme und die Kinder sind nach den ersten fetttriefenden, frittierten Köstlichkeiten auch überzeugt. Beim Anblick der vielen toten Fische meint Linus jedoch: „Also diese Fische machen mich ganz nervös, ich hab ja noch nie so viele Leichen auf einem Haufen gesehn!“

Der Stand mit den Donuts verscheucht seine Nervosität aber ziemlich schnell. 

Ab jetzt wird hier diniert!

Tagsüber holen wir uns immer öfter was von den Frauen, die das Essen in großen Kisten auf dem Kopf durch die Straßen tragen. Meistens ist darin Reis mit Hühnchen auf Lombok-Art, sauscharf und mega lecker. Meine Verdauung zickt zwar ganz schön rum und ich renne Nachts mehrmals aufs Klo, wohingegen Nils’ robuster Magen das locker wegsteckt. Die Kinder bleiben bei frittiertem Irgendwas und leckeren Suppen oder milden Currys. 

Außerdem haben wir einen sensationell leckeren, französischen Bäcker entdeckt, der wirklich Weltklasse Rosinenschneckchen und Schokocroissants zaubert. Kulinarisch sind wir also im 7. Himmel angekommen!

Linus hat sich selbst die Rolle als Wassereinkäufer verpasst und schlurft total selbstbewusst in jeden Laden, um mit ein paar Floskeln Englisch seine Einkäufe zu tätigen. Auch auf dem Nachtmarkt tigert er von Stand zu Stand, kauft ein und bezahlt völlig selbstständig. Er überrascht uns echt mit seiner angstfreien Unbefangenheit und wir merken, dass er sich sehr wohl und sicher fühlt.

Das Ida-Kind fühlt sich eh wohl in ihrer Haut und im Wasser – egal ob Pool oder Meer, man kann sie eigentlich nur mit ihrem iPod rauslocken (mittlerweile hat sie alle Känguru-Chroniken durchgehört und ihren Wortschatz um wichtiges 5-Freunde-Wissen erweitert) oder mit dem Angebot, zusammen etwas zu malen. Meistens entstehen dann Wohnhäuser, Baumhäuser, Luxusvillen… die ganze Bandbreite der Immobilienbranche eben. 

Sie kann sich wirklich gut beschäftigen und redet kaum mehr von dem Spielzeug, welches ihr anfangs noch ziemlich gefehlt hat. Stattdessen sammelt sie tonnenweise schöne Muscheln,  adoptiert kleine Einsiedlerkrebse und baut ihnen Luxusunterkünfte aus abgestorbenen Korallen oder spielt mit Linus irgendwelche Rollenspiele, wenn sie sich nicht grad über den Strand prügeln. Sie sind richtige Insel-Kinder geworden, wie Jule schon ganz treffend erkannt hat.

In ein paar Tagen hat Ida dann Geburtstag und zählt schon, wie-viel-Mal-noch-Schlafen bis zu diesem Großereignis.

Mittlerweile sind wir auf Gili Air angekommen, wieder eine wacklige, aber viel kürzere Bootsfahrt, eine viel ruhigere, entschleunigte Insel und eine viiiiiieeeeel schönere Unterkunft. Abends sitzen wir in der Strandbar und sehen im Sonnenuntergang die Silhouette des aktiven Mount Agung auf Bali, aus dessen Schlot kleine Rauchwolken in den Nachthimmel steigen. Ob er wohl noch ausbricht, während wir ihm dabei zugucken können?

Tagsüber schlendern wir am Strand entlang oder erkunden die Insel mit dem Rad, baden und schnorcheln im Meer, planschen im Pool und ab und zu gibts ne kleine Portion Unterricht für Linus.  Während die Jungs arbeiten, feile ich an der Reiseroute und suche nach neuen Unterkünften. 

Aber ansonsten entspannen wir hier einfach nur (Linus’ Gebiss ist sogar so entspannt, dass ihm schon der 2. Zahn rausgefallen ist!), Nils hat euch den nächsten Film geschnitten und wir suchen noch die passenden Fotos raus, bevor wir wieder mit dem Horror-Boot zurück nach Bali schaukeln.

Bis dahin schicken wir viele Sonnenküsschen zu euch ins herbstverfärbte Deutschland und hoffen, dass es euch allen richtig gut geht. Ihr fehlt uns sehr!

Back to Bali

Die Tage auf G I L I   A I R  gehen langsam und entspannt zu Ende. Ida lernt vom Beckenrand in den Pool zu hopsen und wir quatschen gerne mit den Leuten am Wegrand, was sich meistens daraus ergibt, dass wieder mal jemand eine der 4 Standardfragen stellt. 

In unserem Zimmer wohnen, außer uns, Geckos und eine ekelerregend behaarte Riesenspinne – ein Gedanke mit dem man sich vor allem Nachts nicht unbedingt anfreunden kann.

Die Strände hier sind wunderschön und weiß, wenn auch etwas pieksig durch die vielen zerbröselten Korallen – Luxusproblemchen.

Am Fuß einer Strandpalme findet Ida eine alte Flasche, die jemand, mit Wasserschnecken befüllt, dort vergraben hat. Is ja klar, dass das mindestens mal ein Piraten-Bier war – jetzt ist es auf jeden Fall eine mit Nachricht und giono-Aufkleber versehene Flaschenpost, die darauf wartet vom nächsten Adlerauge entdeckt und ausgebuddelt zu werden.

Linus ist mittlerweile völlig „bobmarleyfiziert“ und träumt davon, sich ne Rastamatte wachsen zu lassen, während ich mir bei einem stromausfallbedingten Candlelight-Dinner zusätzliche Stufen in die Frisur gebrannt habe und Ida konsequent die ins Gesicht hängenden Fransen abkaut.

Nur Nils’ pflegeleichte Frisur sitzt wie immer tiptop.

Wir haben auf der Insel echt eine dicke Portion Strand inklusive im Wasser stehende Riesenschaukeln verdrückt, sind sonnensatt und besteigen mit ein bisschen Bammel das Schiff nach P A D A N G B A I.

Wir wollen nochmal zurück nach Bali, auf diese außergewöhnliche Insel, die so schön alle Sinne kitzelt. Diese Ästhetik, der Geruch, die Klänge, die allgegenwärtige Spiritualität, das knallige Grün… wir wollen endlich ins Landesinnere nach U B U D. 

Die Überfahrt ist nur halb so schlimm, Nils und Linus bekommen Reisetabletten, die zwar nach Vitaminbonbons riechen aber ihren Job ordentlich machen – diesmal keine Kotztüte.

Aber nach Stunden im überklimatisierten Boot kämpfen unsere Körper mit der Umstellung auf die Hitze und Luftfeuchtigkeit. Es ist ein wenig, als hätte man uns in einer anderen Klimazone ausgespuckt. Gefühlt von Island in die Tropen gebeamt, sortieren wir noch unsere Sinne an die richtigen Stellen, da werden wir am Pier schon von hunderten „TAKSI“-Fahrern bedrängt und von Frauen mit Wasserflaschen und großen Fruchtkörben auf dem Kopf verfolgt. Aber wir wollen nur schnell unseren Shuttlebus nach Ubud finden, um dann nochmal ne Stunde im Kühlschrank durch Bali zu gurken.

Unsere Unterkunft in U B U D  ist ein Traum. In einer ruhigeren Seitenstraße gelegen haben wir hier eine richtige Oase für uns alleine, mit tropischem Garten, einem schicken Pool und Prinzessin-auf-der-Erbse-Betten. Wir teilen dieses herrliche Heim wieder mit einer gigantischen Spinne, die vor unserer Terrasse hockt und uns beim Frühstück beobachtet (und wir sie…), quakenden Froschfamilien, Streifenhörnchen und Geckos (von denen ein besonders großes Exemplar hat einen ordentlichen Kackhaufen auf Linus Hemd hinterlassen) und einem – Achtung, festhalten: Chamäleon!

Der Stadtkern ist ziemlich touristisch, kein Wunder, in jedem Bali-Reiseführer wird Ubud als das kulturelle und kulinarische Zentrum Balis gefeiert, es reihen sich Kochschulen an Yogastudios, Holzschnitzarbeiten und Batiktücher soweit das Auge reicht und Kunstgalerien verkaufen mehr oder weniger interessante Gemälde von mehr oder weniger bedeutenden Künstlern. Bewegt man sich allerdings ein paar Meter vom Zentrum weg, steht man schwuppdiwupp in mitten allergrünster, supersaftiger Reisfelder. Das Grün ist so intensiv und surreal, als würde man beim Umwandeln in Druckfarben die Warnung bekommen: Leider nicht darstellbar!

Wir besuchen eine kleine „organic farm“ auf der gigantische Bohnen wachsen und eine Kuhmama mit ihrem Kalb von Linus und Ida gefüttert werden darf. Der Farmer selbst bastelt gerade an seiner Bambus-Fahne für „Galungan“, einer der wichtigsten Feiertage, der ab 1. November auf ganz Bali gefeiert wird. Toll, dass wir aus grenzenloser Unwissenheit gerade für den 1. November den Rückflug nach Bangkok gebucht haben. Naja, immerhin bekommen wir die Vorbereitungen an jeder Straßenecke mit und haben einen triftigen Grund, wieder zu kommen.

Nils guckt eh schon (…rein interessehalber..) nach Immobilien, was immer ein Zeichen dafür ist, dass er sich an einem Reiseort besonders wohl fühlt. Wären diesem Interesse jedesmal Taten gefolgt, besäßen wir jetzt Holzhütten, entkernte Gutshöfe und verlassene Steinhaufen in halb Europa.

Linus und Ida scheinen von dieser Immobilienfixiertheit ihres Vaters ziemlich geprägt zu sein und haben ein neues Lieblingsthema, auf dem vor allem Linus hängengeblieben ist:

Zirkuswägen.

Er träumt jetzt davon nach unserer Rückkehr „naturverbunden und ohne Medien“ (O-Ton) in einem solchen zu wohnen und googelt sich durchs Netz, malt mögliche Inneneinrichtungsvarianten, stellt Kostenkalkulationen auf und versucht, mich auch für diesen brillanten Plan zu gewinnen. Hätte ich ja nie gedacht, aber ich wünsche mir wieder die Gespräche über exotische Vögel zurück!

Zu Idas 6. Geburtstag hat er ihr einen Zirkuswagen gemalt und sie hat sich total gefreut! Auch über den Playmobil-Reiterhof, denn wir aus Deutschland importiert haben und die vielen Bonbons, Kekse, Chips… sie war ganz seelig, das kleine, große Mädchen. Und wir können es kaum fassen, dass sie jetzt schon 6 Jahre bei uns ist, dieses warmherzige, lustige, sonnige, liebevolle und wilde Wesen, das einen zwar in Sekundenbruchteilen zur Verzweiflung bringen kann aber unser Herz bis zum Überlaufen füllt – es gibt nichts Schöneres, als dich glücklich zu sehen, Idakind!

Es ist ihr Tag und sie darf die Bestimmerin sein. Also gehen wir in den Affenwald, in den Pool und glotzen einen Film.

Der Affenwald ist ein voller Erfolg, außer für das Geburtstagskind, deren Freude an den frechen Affen dadurch getrübt wird, dass man sich vor den manchmal aggressiven, älteren Tieren (bei Ida „die Chefs“) in Acht nehmen soll. Die sind der Ida ziemlich suspekt: „Also der Chef is jetzt nicht soooo mein Ding!“ 

Nach einer Weile verlässt Nils mit ihr dann schonmal den Wald, wo die beiden vor dem Ausgang unfreiwillig Zeuge einer affenartigen Fortpflanzungs-Szene werden, während ich mit dem begeisterten Linus noch ein bisschen länger im Wald bleibe, damit er mit der GoPro bewaffnet das Affentheater festhalten kann. Darüber wird er euch aber noch einen ausführlichen Affen-Bericht schreiben.

Abends gibts Pizza, die ist erwartungsgemäß voll Idas Ding. Für die Großen gibts einen Cocktail mit Palmschnaps, mit dem wir auf unsere unglaubliche Ida-Bandida anstoßen.

U B U D  gefällt uns so gut, dass wir insgesamt 6 Nächte bleiben, wobei das Touristenangebot im Zentrum manchmal schwer zu umgehen und schlecht auszuhalten ist. Die verzweifelten Marktverkäufer machen einem wirklich bewusst, welchen Stellenwert das Geschäft mit dem Tourismus auf der Insel hat und die Masse an Waren, speziell für dieses Business angefertigt, erschlägt einen und wird einem hinterhergetragen. Die Rolle des Touristen wird einem quasi aufgedrängt. Natürlich ist man immer zwangsläufig Teil von diesem System und es wäre eine Illusion etwas anderes zu erhoffen, solange man nicht auf eigene Faust und mit der entsprechenden Kenntnis tiefer in die echte Gesellschaft eintaucht.

Wir erfreuen uns einfach an jeder Begegnung mit Menschen und Fahrten durchs Hinterland, die uns winzige Einblicke erlauben. Für die weitere Reiseplanung ergibt sich daraus allerdings auch die Erkenntnis, dass wir wohl immer mit der Rolle der Touristen zurechtkommen müssen, aber sie vielleicht nicht unbedingt herausfordern wollen. Eine weitere Erkenntnis der ersten vier Wochen ist, dass die Reisewege nicht zuuuuuuu lang sein sollten, weil Linus schnell schlecht und Ida langweilig wird.

Trotz alledem lieben wir diese lebendige Stadt, erwartungsgemäß gibt es hier auch Yoga an jeder Ecke und bei uns in der Straße bei einem sympathischen Balinesen, der seine morgendliche Yogastunde (im Gegensatz zu den esoterisch-ambitionierten Covergirls auf Lembongan und Gili) ganz intensiv und trotzdem locker und humorvoll gestaltet. Nils konnte ich allerdings noch immer nicht für „herabschauende Hunde“ gewinnen..

Dafür macht er eine teure Bekanntschaft mit der Ubudschen Polizei. Auf der stundenlangen Suche nach einem funktionierenden Faxgerät werden er und Linus auf ihrem Moped angehalten: kein Helm, kein Führerschein, keine Fahrzeugpapiere. Statt dem Fax sind sie also ein dickes Verwarnungsgeld in die Tasche des Polizisten los geworden. („Aber Oma und Opa, regt euch nicht auf, das ist hier ganz normal!“ Ida)

Mit unserem neuen Fahrer, der ebenfalls Wayan heißt (weil nämlich ALLE erstgeborenen Balinesen Wayan heißen) und optisch ein bißchen dem ehemalige, amerikanischen Präsidenten ähnelt, was ihm den Spitznamen „Obama“ eingehandelt hat, fahren wir zu den Vorzeige-Reisterrassen in T E G A L A L A N G, die wir in einer Mördermittagshitze beklettern – was Idas Frage, ob das ein anstrengender Job sei auf den Reisfeldern zu arebiten, von selbst beantwortet.

Danach fährt uns Wayan durch untouristischere Gegenden bis zum Mount Gunung Batur, ein Schichtvulkan der in einer riesigen Bilderbuch-Caldera liegt und immer mal wieder ausbricht, zuletzt 2000. Bei einem kleinen Mi-Goreng-Snack in einem schibbeligen Warung gucken wir auf die zum Stillstand gekommenen Lavaströhme, an denen wir kurz darauf vorbeifahren, um zu den heißen Quellen auf der anderen Seite des Vulkans zu gelangen. Dem wirklich wunderschönen, klaren Wasser werden heilende Kräfte zugesprochen und man darf darin baden, bekommt dabei köstliche gebackene Bananen serviert und den typisch balinesischen Orangensaftnektar, dessen Chemieanteil wahrscheinlich jegliche Heilungserfolge sofort rückgängig macht.

Der Gedanke bei diesen tropischen Temperaturen in warmem Wasser zu baden ist total absurd, umso erstaunlicher ist es, dass es sich wirklich angenehm anfühlt und einem die Außentemperatur plötzlich gar nicht mehr so bullenheiß erscheint. 

Auf dem Rückweg pennt Ida erschöpft auf dem Rücksitz ein und findet es überhaupt nicht lustig dass wir sie wecken, um noch einen uralten Steintempel zu besichtigen. Statt, wie geplant, noch zu einem Wasserfall, fahren wir lieber wieder zurück nach Ubud und holen uns ein Abendessen bei der Frau, die jeden Tag auf der Straße neben unserem Zuhause kocht. Sie macht immer alles frisch, dementsprechend lange dauert es, aber ihr Mann hat eine Holzbank gebaut, auf der man warten und sich mit ihr oder ihrem Sohn, den Nichten oder dem Mann unterhalten kann.

Auch auf Reisen hat man ja seine Rituale und so holen wir uns immer die gleichen Speisen bei ihr, wenn wir nicht gerade andere Leckereien Ubuds probieren – meistens Volltreffer. Die Portionen in ganz Bali sind für uns Fresserchen ziemlich überschaubar und so wird die ganze Familie auf eine unfreiwillige Diät gesetzt. Als Eltern freut man sich da manchmal schon insgeheim, wenn die Kindergerichte leider doch „spicy“ geraten sind und man sich so eine 2. Portion erschleicht. Nein, die Kinder müssen nicht verhungern! Die bekommen dann halt Frühlingsrollen oder Pommes nachbestellt. 

So vergehen die Tage heiß und erlebnisreich, mit ausreichend Zeit in unserem dekadenten Privatpool (da wir die einzigen Bewohner sind), in dem Ida am letzten Tag bei ihrem Bruder die Seepferdchen-Prüfung macht! 

Auf unserer Fahrt Richtung Süden zu unserem ersten und letzten Ziel  J I M B A R A N  lösen wir noch ihr Geburtstagsgeschenk ein: Ein Besuch im Bali-Zoo – ein voller Erfolg. Alle Chefs sitzen hier hinter Gittern oder Glas, alle weiteren Tierbegegnungen sind harmlos und ergreifend. 

Der Zoo bietet einige käufliche Fütterungserlebnisse, die wir natürlich zur Feier des Tages alle mitnehmen. Die rumlümmelnden Tiger interessieren sich leider nicht die Bohne für Idas nacktes Hühnchen, dann bekommt’s halt die Löwin, die freut sich drüber. Dem Borneo-Orangutan darf man leider nichts geben, obwohl er uns auffordernd die offene Hand hinhält. Immer wieder. Als er einsieht, dass wir die Oreo-Kekse nicht teilen werden, bewirft er uns mit Bananenschalen und verzieht sich wieder in seine Hütte. Verständlich, denn nur glotzen und nicht teilen geht ja gar nicht!

Wie gut, dass man mit dem Elefanten teilen darf. Von dem Riesen wollen wir lieber nicht beworfen werden. Er nimmt sich mit seinem Rüssel ganz behutsam den Mais und die Bananen, die Linus und Ida ihm hinhalten und steckt sie in sein großes Maul. Wie eigenartig sich dieser Rüssel anfühlt, ganz fest und stark, sehr mächtig. Ganz im Gegensatz zu der weichen Affenhand von dem kleinen Silber-Gibbon, der sie immer wieder durch die Stäbe streckt, um sie von uns gestreichelt zu bekommen. Und die Liste der Wunsch-Haustiere wächst weiter und weiter…

Ein richtiger Glücksmoment für die Kinder kommt ganz unerwartet, als sie zwischen den Streichelzootieren und Zottelziegen ein paar extrem gechillte Kängurus entdecken. Echte Kängurus, die man füttern und streicheln darf und die ihr Baby im Beutel tragen – die beiden sind in ihrem persönlichen Tierparadies angekommen. Und uns ist klar, warum Marc-Uwe Kling seine Kängurus in eine bekiffte Hippiekommune gesteckt hat – und, dass wir auf jeden Fall noch nach Australien müssen.

Zuerst müssen wir heute aber zum Flughafen, um nach T H A I L A N D zu fliegen. Ein paar Tage wollen wir in Bangkok verbringen und danach… Da knobeln wir noch, ob nach Süden oder nach Norden. 

Unsere innere Reiseuhr ist eigentlich auf vier Wochen geeicht, dann wird der Wohnwagen geputzt und in seinen Stall gebracht, die Rechner wieder hochgefahren und Wäscheberge im Himalayaformat bewältigt. Diesmal ist alles anders, unsere Reise geht einfach weiter, genauso ungeplant wie immer, mit der Lust aufs Neue und Ungewisse im Gepäck und zwei wunderbaren Kindern an der Hand.

B A N G K O K

Mit dem Gefühl, noch laaaaaaaange nicht mit Bali fertig zu sein und jetzt erst richtig Appetit/Kohldampf auf noch mehr Indonesien zu haben, sitzen wir im Flieger und hoppeln durch Gewitterwolken Richtung B A N G K O K. Ida findet’s wieder mal super, in meinem Hirn hingegen mäandert nur ein Gedanke.„Super, dass war’s dann jetzt“. Aber sie versucht mich mit den Worten:„Uns kann doch nix passieren, wir sind hier doch in Sicherheit!“ zu beruhigen, was mich vor Rührung noch instabiler macht. Linus zieht sich einen weiteren James Bond Film rein und Nils träumt sich zu den javaschen Vulkanspitzen, die weit unter uns durch die dicke Wolkenschicht blitzen.

Bevor Wayan uns zum Flughafen gebracht hat, durften wir ihn noch zu Hause besuchen und seine Mutter und den jüngsten Sohn („number three“) kennenlernen. So wie es feste Namen für die Erst-, Zweit-, Dritt- und so weiter Geborenen gibt, nummerieren viele ihre Kinder umgangssprachlich. Klingt aber gar nicht lieblos, sonder eher humorvoll.

Auf jeden Fall bekamen wir von ihm Räucherstäbchen, frisches Obst, selbstgebackenen grünen Marmorkuchen und köstlich scharfes Essen: Bananensuppe (schmeckt viel besser als es klingt) und Spanferkel-Eintopf vom Vorabend. Der Großteil seiner Familie pennt noch, da sie bis in die Nacht hinein Galungan gefeiert haben.

Wir haben ihm noch unseren echt hilfreichen Reiseführer überlassen, also falls jemand von euch ne Reise nach Bali planen sollte, einfach Wayan samt Reiseführer zum Flughafen bestellen!

Entgegen meiner Befürchtungen landen wir völlig unversehrt in B A N G K O K. Unser Hotel ist der Knaller. Wir lieben es alle vom ersten Moment an. Um ehrlich zu sein, eigentlich sind wir ja nur nach Bangkok gekommen um hier zu wohnen, im Atlanta Hotel. 

Im Jahr 1952 gegründet, ist es das ersten Hotel Thailands mit Swimmingpool. Die Einrichtung ist so stilvoll erhalten worden, wie die Regeln: „sex tourists not welcome“ – ein wichtiger Hinweis hier am Rand des Rotlichtviertels. 

Im Gegensatz zum Foyer sind die Zimmer ganz einfach, der Garten wild und von geretteten Straßenkatzen und Schildkröten bewohnt. Im Speiseraum läuft gedämpft Jazzmusik oder Klassik, während die Deckenventilatoren schwerfällig ihre großen Runden schwingen. Das Pool-Ambiente erinnert Nils sehr an die Ästhetik seines großelterlichen Zuhauses. Der Pool selbst ist 4 Meter tief. In ihm trainierten schon die allerersten Taucher Thailands. Auch viele Künstler und Schriftsteller verkehrten im Laufe der Jahrzehnte in diesem Hotel – ein Ort vollgestopft mit Geschichte.

Trotzdem zieht’s uns raus, aus der Oase, ins Getümmel, die Skytrain bringt uns quer durch Bangkok und wir pressen unsere Touristennasen an die Scheiben, um einen ersten Eindruck dieser riesengroßen, grauen, nein, bunten, hektischen – oder entspannten? – auf jeden Fall vielfältigen Stadt zu bekommen. Es gibt so viel zu sehen, dass man auf den ersten Blick gar nicht alles erfassen kann.

Aber wir haben eine ganz konkrete Mission für den ersten Bangkok-Tag: Auf den Spuren von Oma Elke wandeln. Sie war 1963 (also vor exakt 50 Jahren) mit ihrer Schwester hier und hat uns ein paar Fotografien von diesem Trip geschickt. Auf einem sieht man die schöne, große, blonde Elke neben einer Statue posieren. Wären wir wir, wenn wir nicht versuchen würden, diesen Ort zu finden und das Foto nachzustellen? 

Na also, ab aufs Boot. Wir schaukeln mit dem Schiff über den großen Fluss zum W A T  A R U N, einen der bedeutendsten Tempel. Et voilà: Da stehen die steinernen Jungs mit ihren imposanten Bärten und bewachen die Aufgänge. Hier wurde zwar kräftig in den letzten Jahren renoviert und überarbeitet, aber das Motiv kommt ungefähr hin und wir sind über diesen Volltreffer ziemlich happy. Alle Gionos versuchen Elkes elegante Pose nachzuahmen, was aber eigentlich nur Ida gelingt (der alten Poserschnecke). Mission Bangkok erfüllt.

Die restlichen Tage können wir also tun und lassen was wir wollen, zum Beispiel den 42m langen, liegenden Buddah ganz in Gold bewundern, köstliche Frühlingsrollen aus Garküchen futtern, von einem Mönch gesegnet werden und, auf der Suche nach einem Abendessen, in der dunklen Stadt den Überblick verlieren. Wir landen auf dem Blumenmarkt – weit und breit nur Berge von Blüten und kunstvolle Gestecke, aber keine einziger Essensstand. Unsere Kinder verhungern. Sekündlich weicht ihnen die Kraft aus den Gliedern, was ein Weiterlaufen quasi unmöglich macht. 

Aber da, welch ein Segen: Am Horizont, ein hell erleuchtetes Restaurant, die Rettung! Wir entern den Laden und bestellen uns unbekannte Dinge – wir sind ja in Thailand, da wird schon alles umwerfend schmecken. Als unsere Körper nach wenigen Minuten wieder auf Islandtemperaturen herunter airconditioniert wurden, kommt das Essen. Es ist das miserabelste Essen EVER. Unübertrieben. EVER! Mit jedem Bissen sackt unsere Laune weit unter unsere Körpertemperatur. Wahnsinn, wir haben also die Nadel im Heuhaufen gefunden, das scheinbar Unmögliche Wirklichkeit werden lassen: Wir haben in Thailand schlecht gegessen!

Mies gelaunt fahren wir mit dem Taxi nach Hause. Mit dabei unsere neue Mission: Ab sofort nur noch erstklassiges Essen, Geschmacksknospenverwöhnprogramm sozusagen. Alles andere ist  ab jetzt zweitrangig.

Prompt bekocht uns die Straße am nächsten Tag hervorragend und ein erfrischender Mangojuice versöhnt uns mit der Enttäuschung vom Vorabend.

Immer noch grübeln wir, ob es als nächstes in den sonnigen Norden und dann weiter nach Laos gehen soll oder vielleicht doch lieber erst in den unbeständigen Süden auf ein Inselchen, Koh Phangan zum Beispiel. Irgendwie haben wir uns alle ziemlich in das Leben in Strandnähe verliebt.

Wie passend also, dass uns die oberfreundliche Frau im Reisebüro dazu rät, erstmal mit dem Zug in den Süden zu fahren, dann in den Norden zu fliegen, um dann nach Laos auszureisen. 

„Was? Regen im Süden? Hahahahah, neeeeeiiiin.. das ist vorbei. Vielleicht mal ein kleiner Schauer. Hahahaha…“

Die dämlichen Europäer buchen den Zug und stellen bei der nächsten Gelegenheit mit Internetzugang fest, dass es auf Koh Phangan die nächsten 2 Wochen nicht nur dauerschiffen soll, sondern auch Sturm- und Gewitterwarnungen bestehen, sodass unsere Unterkunft erstens geschlossen und zweitens aufgrund der abgelegenen Lage gar nicht vom Boot angefahren wird. Hahahaha….

Aber nee, von der Tante lassen wir uns doch nicht die Laune verderben, ha! Warten wir erst mal ab. Bis zu unserer Abreise haben wir ja noch ein paar Tage. In denen besuchen wir zunächst Khao San Road, das legendäre Backpacker-Viertel, wo man uns knusprige Skorpione und Achsel-Shirts mit Khao-San-Aufdrucken andreht. Geschäftstüchtige Inder kleben eifrig an Nils und wollen ihm unbedingt einen schicken Anzug schneidern – der aber bleibt unbeeindruckt.

Die tempelaffine Ida zieht uns zielsicher zum Wat Chanasongkhram Ratchaworamahawihan, wo wir umgeben von Einheimischen und Mönchen eine Zeremonie erleben dürfen – ziemlich überraschend so mitten im touristischen Treiben. 

Irgendwie muss man doch von hier aus ans Wasser kommen. Es ist „Loy Krathong“, das thailändische Lichterfest, bei dem kleine Blumenbötchen mit Kerzen und Räucherstäbchen ins Wasser gelassen werden. Wir haben keine Ahnung, wo sich das am Besten beobachten lässt und wann das Ganze beginnt, aber wir wollen vorsichtshalber zum Einbruch der Dunkelheit (und die bricht hier in Äquatornähe ziemlich schlagartig ein) am Wasser sein.

Unser hervorragender Orientierungssinn scheucht uns kreuz und quer durch die Stadt. Der Fluß scheint unerreichbar, dafür landen wir, nach einer strengen Sicherheitskontrolle, plötzlich auf dem Gelände des Großen Palastes. Wir bewundern ihn von außen im lila Licht des Sonnenuntergangs, stürzen aber schnell weiter Richtung Flussufer. Da befindet sich allerdings nur eine Schiffsanlegestelle und überhaupt kein leuchtendes Lichterfest. Ach, dann fahren wir einfach mit dem Boot Richtung Süden zu unserer Skytrain-Station, da wird schon was gehen. 

Da geht auch was, da tummeln sich Menschenmengen und es werden fleißig Blumengestecke verkauft. Manche schwimmen auch schon unbeleuchtet am Flussrand (also Blumen, nicht Menschen) aber leuchten tut hier immer noch nix. Nach anderthalb Stunden Warterei geben wir auf. Die Kinder sind unzählige Kilometer gelaufen, sind hundemüde und hungrig. Wir holen ein bisschen Obst und die mutigen Noltemänner verspeisen noch schnell jeweils eine knackige Made, bevor uns die Skytrain wieder durch die Nacht zu unserem Atlanta bringt. Mittlerweile sind wir so Flop-gebeutelt, dass es uns wirklich nichts mehr ausmacht, denn wir merken, dass es uns ja trotzdem saugut geht.

Das ist auch der Vorteil, wenn man mit geringen Erwartungen reist (außer beim Essen… und beim Wetter!), wir können uns ganz gut treiben lassen und müssen – abgesehen von unseren Missionen – nichts „abarbeiten“. 

Am nächsten Morgen lassen wir uns über den gigantisch großen Chatuchak Weekend Market treiben. Wir schwimmen durch Gänge voller Second-Hand-Kleidung und Krokodillederwaren, vorbei an Penisseifen, tauchen ein in eine Welt, in der Stoff ohne Elefantenmotiv ein Affront wäre und schwindelerregende Batikmuster laut „kauf mich“ schreien.

Dazu summt ein monoton-lockender Klang aus allen Winkeln: „Massaaaasch, Masaaaaasch…“

In diesem Meer aus menschlicher Bedürfnisbefriedigung entdecken wir eine skurrile Hundeboutique, die absolut keine Wünsche offen lässt: Von casual über festlich, bis hin zum flotten Cowboyhut, einfach alles, was so ein Hundeherz glücklich macht. Oder halt das Herrchenherz… 

Kurz drauf spaziert uns dann tatsächlich ein Hündchen in Latzhose und Turnschuhen vor die Nase. Er sieht allerdings ziemlich unzufrieden aus, eher so als wäre ein wütender Jack Nicholson in seinem Körper gefangen, aus dem ihn leider keiner retten wird. Wie gut, dass unsere Kinder ein Tänzchen mit dem kleinen Kerl wagen – das hat ihm bestimmt noch gefehlt zu seinem Glück.

Zwischendurch stärken wir uns mit einem kühlen Chang-Bier in einer kleinen Kneipe, in der ein paar lässige Thai-Cowboys die Hits der letzten 50 Jahre covern. Nils kauft sich noch ein Tempelglöckchen, wie es seine Mutter damals aus Thailand mitgebracht hatte und das immer auf der Nolteschen Terrasse bimmelte. Linus handelt eiskalt und mit schauspielerischer Kühnheit einen Fjällräven Rucksack herunter (wobei stark davon auszugehen ist, dass es sich um eine gute Fälschung handelt). Diese Kampfkunst hat er auf Bali entdeckt und wendet sie nun unerschrocken bei jeder sich gebenden Gelegenheit an. Onkel Quirin, da biste stolz, wa?

Der Sonntag verläuft zunächst unaufgeregt. Wir bummeln an einem Klong entlang (das sind Kanäle, die sich durch Bangkok ziehen), kaufen Essen von den Bewohnern, die direkt am Ufer in kleinen verwinkelten Hütten und Gässchen wohnen.

Auf dem Rückweg ist es endlich soweit, Linus und ich können den skeptischen Nils zu seiner ersten Thai-Massage überreden. Während sich die drei thailändischen Turnerinnen auf unseren Körpern austoben, schläft Ida gemütlich zwischen uns ein, nicht ahnend, dass der Rest ihrer Familie in einer Stunde nur noch Muskelmatsch und Fastienbrei sein wird. Herrlich! 

Jetzt noch ein gutes Abendessen und unser letzter Bangkok-Tag darf zu Ende gehen. Hoppla, da ist ja ein Jamie Oliver Restaurant um die Ecke, hmmmm lecker, italienisches Essen – mal was ganz anderes. Oliven und Spaghetti Bolognese sind ja eigentlich immer lecker, aber hier waren wir uns alle einig: molto gustoso!

Im Hotel angekommen checken wir ein letztes Mal den Wetterbericht, bevor wir dann endgültig unseren Koh-Phangan-Plan verwerfen und stattdessen lieber eine Unterkunft im sonnigen Norden suchen. Das Ticket werden wir zur Hälfte ersetzt bekommen und das Hotel läßt sich um eine Nacht verlängern, wir wollten eh noch nach Chinatown. Alles kein Problem, nooo problem.

Am nächsten Morgen erreicht uns die Nachricht, dass mein Opa Rolf leider gestorben ist. 

Mit 94 Jahren kommt das nicht überraschend, aber es ist trotzdem ein riesiger Schock. Es ist fast unerträglich so weit weg zu sein und nicht für seine Frau (meine Stiefgroßmutter) und meine Mama da sein zu können ist hart. 

Die Option alleine zurückzufliegen fühlt sich genauso falsch an, wobei Nils mir diese Möglichkeit natürlich anbietet. Wir sind mit unseren Gedanken nun gar nicht mehr in Bangkok. 

Als uns die Atlanta-Decke dann aber irgendwann auf den Kopf fällt, machen wir uns doch nochmal auf nach Chinatown. Am Ticketschalter der Skytrain ertönt Musik und plötzlich steht alles still. Die Verkäufer, die Wartenden, alle stehen auf und rühren sich nicht. Es muss die thailändische Nationalhymne sein. Es ist aber auch eine Gedenkminute für meinen Opa. Sobald die Musik verstummt geht alles weiter, als hätte jemand wieder auf „play“ gedrückt.

In Chinatown hingegen hat jemand alle Tasten gleichzeitig gedrückt. Es ist wuselig, voll und eng. Wir laufen durch kleine Gässchen mit Spezialgeschäften für Tee und Gewürze, für Kinderschuhe aus Plastik, für Silberschmuck, Eisenwaren, Teile von Tieren, Körbe, Glücksgeschenke, und immer wieder Schüsseln voller… naja.. irgendwas. Noch nie in unserem Leben haben wir soviel Undefinierbares gesehen. Vermutlich sind das alles irgendwelche Organe, Speiseröhren, Mägen, Dickdärme.. Es ist ehrlich gesagt kaum auszuhalten. Der einzige Weg, um den Brechreiz erfolgreich zu unterdrücken, ist die Vorstellung, jetzt im Schreibwarenladen Inventur zu machen.

Als dann auch noch zwei südamerikanische Rucksacktouristen am Straßenstand genußvoll eine Riesenschabe verdrücken (was eine kautechnische Kraftanstrengung zu sein scheint) ergreifen wir die Flucht.

Aus unseren Inselkinderchen sind erstaunlich schnell Großstadtkinder geworden. Sie probieren fast alles Futter von den Straßenständen, fahren mit größter Selbstverständlichkeit U-Bahn, Skytrain, TukTuk, Taxi.. und laufen tapfer jeden Tag stundenlang mit uns kreuz und quer durch die Stadt. Unzählige Kilometer, fast ganz ohne Gejammer. Nur manchmal, wenn wir anhalten um kurz was zu fotografieren, dann wird Ida ungeduldig und erklärt, dass DAS ja wohl nicht der Sinn der Sache sei. „Hallo??! Wollen wir jetzt den Tempel angucken oder: Foto, Foto, Foto.. (vorgetragen im reizenden nänänä-Tonfall und mit Wackelkopfbewegung)“. 

Haben trotzdem ein paar gemacht.

Den Tag unserer Abreise können wir noch ganz gemütlich verbringen, da wir den Nachtzug nach Chiang Mai gebucht haben und der fährt erst um 18:00 Uhr los. Also lassen wir uns Zeit mit dem Frühstück. Ida guckt aufm iPod Schwanensee und vermutet, dass einer der Tänzer des Russischen Nationalstaatsballetts unser Freund Juri sein muss. Es ist schwierig sie in diesem Zustand zu einem Spaziergang in den Lupinipark zu überreden, dort aber wartet ein Spielplatz inklusive fünfjährigen Thaikind mit exzellenten Englischkenntnissen und ohne Anschlussschwierigkeiten auf die Kinder. Sie schaukeln und malen zusammen und der Junge erzählt uns, dass Naturwissenschaften sein favorite Fachgebiet seien. Vor allem die Elemente liebt er: „I know them all. Even the unknown!“ 

Außerdem gibt es mitten im Park einen See mit Tretboot-Schwänen. Unser persönlicher Schwanensee! Was für ein lustiger Zufall. Wir entdecken Warane am und im Wasser und tun ein bisschen was für unsere Oberschenkelmuskulatur, bevor wir mit einem vollbeladenen Taxi durch den Feierabendverkehr zum Bahnhof fahren. 

B A N G K O K war auf- und anregend, aber unsere verstaubten Lungen sehen sich schon sehr nach frischer Luft und die Sonne haben wir auch fast nur durchs Fenster gesehn.

Wir freuen uns auf unsere nächste Unterkunft, eine Hütte in der Nähe von M A E  R I M, nördlich von Chiang Mai. Ein paradiesischer Ort ganz am Ende der Straße, nächster Nachbar ist nur der Dschungel und der Blick auf die bewaldeten Berge ist umwerfend.

Aber davon bald mehr. Jetzt schaut euch lieber erst mal den Film an!

Hoppla, wir sind mal wieder kleben geblieben und melden uns nun nach gut zwei Wochen immer noch aus C H I A N G  M A I.

Die Woche in unserer Dschungel-Oase bei M A E  R I M  im „Ne*Na Contemporary Art Space“ ist wie im Flug vergangen, also sind wir einfach noch länger geblieben. 

Normalerweise kommen hier Gruppen von internationalen Künstlern zusammen um mitten in der Natur, abseits von jeglicher Ablenkung miteinander kreativ zu sein. Die nächste Gruppe wird allerdings erst wieder im Januar kommen und so sind wir meistens die einzigen Gäste. Dementsprechend spezialumsorgt werden wir durch alle hier rumwuselnden Mitarbeitern, Manager, Fahrer, Besitzer.. jaaa es hat eine Weile gedauert bis wir kapieren, wer von den freundlichen Menschen welche Funktion hat. Ist aber auch nicht so wirklich wichtig..

Die Kinder freunden sich ruckzuck mit dem kleinen Sohn einer Mitarbeiterin an. Er heißt Noi, wohnt auch hier und spricht kein Wort Englisch, geschweige denn Deutsch. Ist aber auch nicht so wirklich wichtig, denn er hat einen kleinen Babyhund (den er eher semizärtlich behandelt) und Babyhunde brechen ja bekanntermaßen jedes Eis und jede Sprachbarriere in Sekundenbruchteilen.

Noi zeigt Linus und Ida auch wie man „Teggetähn“ fängt. Heuschrecken.

Also kullern die drei kichernd über die Wiese, planschen stundenlang zusammen im kleinen Teich und verständigen sich dabei völlig wortfrei. 

An den Bäumen in diesem Paradies wachsen Papayas, Sternfrüchte und Bananen, über den Wegen baumeln Passionsfrüchte. 

Jeden Morgen wartet ein unfassbar leckeres, abwechslungsreiches Frühstücksbuffet auf uns, dass wir ganz alleine vernichten dürfen, wir sind ja die einzigen Esser. Zusammen mit dem Blick von der Terrasse hinunter ins grüne Tal ist das der Himmel auf Erden schlechthin.

Dass wir auch noch Abends bekocht werden und uns auf dieser erhabenen Terrasse durch Schüsseln voller thailändische Spezialitäten futtern dürfen, macht die Familie Nimmersatt seeeehr glücklich. Hatte ich irgendwann auf dieser Reise mal was von Zwangsdiät geschrieben? Vergesst das, jetzt wird auf die Verpuppung hingearbeitet!

Soukhit, der Gründer dieses Ortes, der in Neuseeland mal Fotografie studiert hat, ist seit 40 Jahren Teilzeit-Schwede und glücklicherweise gerade jetzt hier. Er ist so ein herzlicher Kerl, der uns jeden Tag verschmitzt fragt, ob er uns für den Abend wohl ein Chang-Bier organisieren darf. Natürlich darf er!

Er freut sich tierisch über die Auszeichnung des „Guardian“, der seinen Ort als einen der 10 besten zeitgenössischen Künstlerorten in Südostasien gekürt haben. Für uns ist es auch einer der 10 besten Orte, ohne Frage.

Trotzdem „müssen“ wir diesen Wohlfühlort auch mal verlassen, man kann ja nicht nur ans Essen denken – auch wenn Ida hier feierlich ihr (uns allen bekanntes) Lebensmotto erklärt: „Ich wünschte, die Welt wäre aus Essen gebaut!“

Auf unserem Spaziergang zum nahegelegenen Wasserfall passieren wir eine Frau, die komplette Hühnerfüße in einem Wok fritiert und wir wünschen uns, dass die Welt lieber nicht aus allem Essbaren gebaut wäre. 

Nachdem wir fast alle 10 Ebenen des Wasserfalls hochgeklettert sind, zeigt Linus auf einen Typ in knallgelbem T-Shirt und meint: „Mama, den kennen wir doch!“ „Nee, du irrst dich..“ „Dooooch, guck doch mal!“

Und tatsächlich, es ist genau der Typ, der uns in Bangkok geholfen hat, als wir versehentlich in die falsche Skytrain eingestiegen sind!

Witzig, jetzt treffen wir ihn hier mitten im Dschungel wieder, den Sascha mit seiner Freundin.

Ihr Taxifahrer hatte schon Mitleid mit der armen Familie, die die Straße entlanglaufen musste und sie bestehen alle darauf, uns mit dem roten Songtaew-Taxi nach Hause zu bringen. Oder uns noch mit in ein Insektenmuseum zu nehmen. Warum nicht, es wird zwar gleich dunkel, aber da wir nicht mehr Heim laufen müssen nehmen wir das Angebot gerne an. Genau die richtige Entscheidung! 

Neben den üblichen Schaukästen voller beeindruckender Tierchen aus aller Welt, beherbergt die Sammlung nämliche auch viele lebende Exemplare.

Linus und Ida überraschen uns mal wieder, wie sie komplett angstfrei und voller Begeisterung Stabheuschrecken, Skorpione, Bartagame, Tausendfüßler und anderes Viechzeugs auf die Hand nehmen. Dieser Mut wurde auf definitiv väterlicherseits vererbt!

Ach ja, unser Hochzeitstag steht ja vor der Tür. Als wolle uns jemand lautstark und mit aller Kraft daran erinnern, wurden wir im Zugwaggon Nummer 11, im Bett Nummer 11 nach Chiang Mai gebracht. Nachdem wir in Bangkok ebenfalls im Zimmer Nummer 11 untergebracht waren, besteht nun kein Zweifel mehr: wir sind am 11.11.2017 wirklich 11 Jahre verheiratet! Krass…

Da wir nichts Besonderes für den Tag geplant haben, aber auch nicht einfach nur abhängen wollen, fragen wir Sumbat, den Fahrer von Ne’Na, ob er uns ein bißchen rumfahren kann. Heiße Quellen soll es hier geben, das wäre doch nett. Danach ein Bergdorf? Ok. Vorher noch zu „Monfai“, ein Lanna-Kultur-Haus. Klar warum nicht.

Dort treffen wir gleich auf Eddy, er ist der Manager bei uns und anscheinend auch hier, ein supernetter, lustiger Kerl, der lange in Melbourne als Koch gearbeitet hat. Er ruft gleich die Chefin an, damit sie uns mit zur Zeremonie nimmt. Welche Zeremonie?

Sie holt uns ab und keine 5 Minuten später finden wir uns mitten auf einer traditionellen thailändischen Hochzeit wieder. Eddy bringt uns Drinks und wir sollen uns am Essen bedienen. Verstecken kann man sich hier schlecht, wir fallen auf wie bunte Hundebabys, vor allem das blonde Idakind wird wiedermal von allen Seiten bestaunt.

Wir versuchen noch völlig verdattert zu realisieren, was hier gerade passiert als wir schon ins Scheinwerferlicht gerückt werden um ein Foto mit dem Brautpaar zu machen. Wir gratulieren uns zum gegenseitigen Hochzeitstag, eine skurril-schöne Situation. Zur Feier des Tages läd uns die Chefin dann ein, am Abend wieder zu kommen, da wäre die nächste Hochzeit und dann würden wir auch angemessen eingekleidet und bekommen einen eigenen Tisch. Sie wird dem Bräutigam mitteilen, dass wir ihre Gäste seien. 

Moment mal, kann das sein? Wir werden an unserem 11. Hochzeitstag völlig unerwartet zu 2 thailändischen Hochzeiten eingeladen? Wir bedanken uns beieinander, wie klasse der andere das  inszeniert hat und wissen genau, dass hier das Leben selbst der Dramaturg war.

Die heißen Schwefelquellen besuchen wir trotzdem noch, es tut sehr gut, faul im Wasser zu liegen. Kurz bevor sich jedoch Schwimmhäute bilden kaufen wir uns lieber ein Körbchen voller Eier und versuchen in den 100° heißen Originalquellen ein optimales 3-Minuten-Ei-Ergebniss zu erzielen.

Nachdem Linus in Bangkok statt dem gewünschten 3-Minuten-Ei gleich 3 (harte) Eier bekommen hat, sind die Eier aus der Quelle nach drei Minuten zwar ziemlich schmackhaft, aber noch so gut wie roh. 

Wir hängen die restlichen Eier wieder ins blubbernde Wasser, es werden also Additionseier, allerdings immer noch ziemlich wabbelige.

Nach einer abschließenden Fußmassage für die ganze Familie und Sumbat gehts weiter in ein Bergdorf. Wir haben keine Ahnung was uns erwartet und als die Sonne langsam untergeht kommen wir in der Drosselgasse Nordthailands an. Naja ganz so schlimm ist es eigentlich nicht, aber schon ein wenig seltsam. 

Zurück in Monfai werden wir eingekleidet, Ida mit einer Würde als hätte sie ihr ganzes Leben darauf gewartet. Sogar Nils passen die Sachen, da es sich praktischerweise um One-Size-Wickelmode handelt. 

Unser Tisch biegt sich vor Essen, ständig wird noch Nachschub gebracht und wir befinden uns in der Bredouille: Essen? Oder Fotos machen? Nach vorne um die Tänze angucken? 

Rampal, die Chefin, setzt sich zu uns und wir unterhalten uns lange. Sie erzählt ein bißchen über die Lanna-Kultur, wir reden über Europa, aber vor allem bietet sie mir an, in den nächsten Tagen mal mit mir zu kochen! Ein weiterer kleiner Traum scheint in Erfüllung zu gehen..

Die nächsten Tage verlaufen im Vergleich zu diesem ziemlich entschleunigt und ereignisreduziert. Hightlight ist jedesmal Idas spitzer Schrei, wenn wieder ein handgroßer Frosch in unserem Bad hockt oder sich irgendwo ne Spinne rumhangelt. Linus hat endlich Zeit was für die Schule zu lernen und Nils nimmt mit ihm seine Version von „Help“ auf. Beide Kinder freuen sich jeden Tag, wenn ihr Freund Noi aus der Schule kommt und dann spielen die drei weitestgehend sprachlos aber dennoch laut hörbar auf dem Gelände bis das Abendessen fertig ist.

An einem dieser faulen Nachmittage werden Linus und ich von Soukhit mit seinem schicken Pick-up zu einem kleinen, lokalen Markt gefahren, auf dem wir umherschlendern und köstlichen Kuchen einkaufen. Auch hier sind wir wieder bunte Hunde, ziemlich hilflose Hunde, denn bis auf den Kuchenbäcker spricht kaum einer Englisch. Mit Händen und Füßen schaffen wir es aber doch alle möglichen Köstlichkeiten zu probieren und einen neuen Kajalstift zu ergattern. 

Als wir uns gerade zu Fuß auf den Rückweg machen, hält plötzlich ein Moped an der Straße. Nach einem ersten Moment des Unbehagens erkennen wir einen der Mitarbeiter von unserem Gelände. Wir düsen also zu dritt auf seinem Moped durch die Dämmerung, vorbei an Reisfeldern und Bananenpalmen bis vor die Haustür.

Abends kommt uns Sumbat besuchen, er ist ja eigentlich Gitarrist und Nils will mit ihm in unserer Hütte einen traditionellen Song aufnehmen. Zusammen mit Linus ziehen sie sich in ihre man-cave zurück um nach zwei Stunden mit 6 schönen Songs und einem zufriedenen Lächeln wieder herauszukriechen.

An einem anderen Tag soll ein weiterer Markt sein, fußläufig zu erreichen, also läuft diesmal die ganze Giono-Gang los – natürlich erst mal in die falsche Richtung. Endstation Dschungel. 

Die Kinder können jetzt schon nicht mehr und Ida wirft uns mal wieder kraftvoll vor, dass wir wohl wollen würden, dass sie verdurstet! Stirbt!! Und sie wolle jetzt sofort zurück zum Campingplatz!

(da macht sich die intensive Wohnwagensozialisation bemerkbar..)

Und so müssen wir, von brutaler Hitze begleitet, irgendwann einsehen, dass wir überhaupt keine Ahnung haben, wo dieser Markt sein soll. Gerade schleppen wir uns zurück Richtung zu Hause, als an der Straße ein Pick-up hält. Er nimmt uns auf der Ladefläche mit: jaja.. Markt? jaja.. kein Problem!

Da die Fahrt ziemlich lange dauert, bezweifeln wir irgendwann zwar, ob er das gleiche Ziel meint wie wir, aber wir genießen es alle mit dem Fahrtwind um die Nasen ins Ungewisse zu fahren. 

Der Pick-Up hält tatsächlich an einem Markt. Kòbkûn ká… vielen Dank!

Der Markt ist groß und entzückt mit der ganzen Bandbreite an Essbarem, von gewöhnlichen Pommes über gedünstete Zungen, gerillte Frösche bis hin zu ganzen Schweineköpfen. Wir essen Pommes.

Die Kinder kaufen sich (Fake-)Lego und bei einem Instrumentenbauer erstehen wir eine 2-seitige thailändische Geige, die ziemlich quitschig klingt  – was Linus allerdings nicht davon abhält bei jeder sich bietenden Gelegenheit uns mit kleinen, verstimmten Minikonzerten zu erfreuen.

Komischerweise verspüren wir gar keinen Drang weiter zu reisen und bleiben länger als gedacht. Wie gut, dass wir keine klassische Weltreise geplant haben, mehr so eine mal-schauen-was-passiert-Reise ohne den Anspruch auf trügerische Vollständigkeit oder dem Ehrgeiz, so viele Länder wie möglich zu besuchen. Bei unserem Tempo würden wir dafür ziemlich viele Sabbathjahre brauchen.

Am letzten Abend bekomme ich dann meinen persönlichen Kochkurs von Rampal. Zusammen mit ihrer besten Freundin fliegen wir im Affenzahn über einen Markt, springen wie tanzende Bienen von Stand zu Stand und schleppen am Ende Essen für mindestens 40 Personen zum Auto.

Das Koch-Tempo ist ähnlich zackig und nach wenigen Minuten habe ich 3 Gerichte selber gekocht, die alle, unübertrieben, saulecker schmecken.

Es wird ein unbeschreiblich schöner Abend! 

Eddy macht eine Feuerchen auf der Terrasse, Sumbat spielt auf seiner Gitarre traditionelle Lieder und nach dem Genuss einiger Bierchen singen wir alle zusammen seelig Beatlessongs.

Eigentlich würden wir ja gerne noch länger bleiben, aber nach so einem dramaturgischem Höhepunkt darf man ruhig weiterziehen.

Nachdem wir uns vollgesaugt haben mit Dschungelgrün, kann es auch mal wieder urbaner werden. Wir sind schon gespannt auf C H I A N G  M A I  und vom ersten Augenblick an total verknallt in diese Stadt. Unser kleiner Bungalow ist mitten in der Altstadt, die bunt und jung und ziemlich entspannt wirkt. Man kann einfach stundenlang umherwandeln, sich treiben lassen, literweise frische Säfte trinken, hier und da was zum Snacken kaufen und sich von unserer Reiseleiterin Ida-Buddhida in jeden, wirklich jeden, Tempel schleppen lassen. Und davon gibt es seeeeeehr viele in Chiang Mai.

Unzählige Male am Tage ziehen wir also unsere Schuhe aus, knien vor den verschiedenen, goldenen Buddhas nieder und genießen die kurzen Momente der inneren Einkehr. 

Ida hat mittlerweile eine total charmante Art entwickelt auf die entzückten „oooh…hello baby!“ Ausrufe zu reagieren. Entweder lächelt sie gelassen und winkt den Leuten mit einem freundlichen „Hello“ zu, oder sie faltet ihre Hände und verbeugt sich mit einem „Sawwatdeekaaah“ – was das Entzücken beim Gegenüber natürlich nur noch verstärkt.

Auch dass sie ständig angefasst und geknuddelt wird, scheint sie nicht wirklich zu stören.

Unser Alltag in Chiang Mai ist – abgesehn von den Tempelbesuchen – von Essensbeschaffungsmaßnahmen geprägt und wir genießen es, unsere Mahlzeiten aus den vielen Garküchen am Straßenrand auszusuchen. Nils und meine absolute Lieblingsspeise ist der mega scharfe Papayasalat, aber auch Khao Soy, diese traditionelle Currysuppe mit gekochten Nudeln und obendrauf knusprigen Nudeln. Oder die scharfe Kokos-Huhn-Suppe mit Limettensaft! Und dann gibts da diese kleinen Kokospfannekuchen, ach ja und Lap Isan, so ein scharfer Hühnerhacksalat und natürlich den weltbesten Mangojuice… hmmmm… Ich muss aufhören, mir läuft das Wasser im Mund zusammen und tropft gleich auf die Tastatur.

Auf jeden Fall wollen wir noch einen Ausflug zu einem der zahlreichen Elefantencamps hier in der Nähe machen. Kurzfristig buchen wir vormittags den Trip und werden prompt um 14:00 von einem Minibus eingesammelt. Da uns die besten Plätze bereits von den jungen Travellern weggeschnappt wurden, müssen wir auf der hintersten Bank sitzen. Genau, ganz hinten, da wo früher auf dem Weg zur Schule immer die coolen Chaoten saßen. 

Da hocken wir nun und werden 1,5h lang durchgerüttelt. Mit weichen Knien und wackligen Mägen kommen wir beim Happy Elefant Home an. Bekommen dort eine kleine Einweisung, damit wir uns nicht in unnötige Gefahr begeben und Klamotten, damit uns die Elefanten am Geruch als Freunde erkennen. Gute Idee!

Die Klamotten sind alle unisex und onsize, sehen bei Linus, Nils und Ida umwerfend aus, ich hingegen komme mir in den XXXXXL-Hosen vor wie ein knallrotes Elefantenweibchen.

Nun dürfen alle mal Zuckerrohr zerhacken und sich die Beutel mit Bananen vollstopfen, bevor es dann zu den Elefanten geht. Der Moment, wenn man das erste Mal in der Ferne eine echten Elefant mitten im Dschungelgrün entdeckt ist umwerfend. Man meint zu träumen, das kann nicht echt sein… Isses aber, Wahnsinn. 

Die nächste Stunde bleibt surreal. Mit dem Inhalt unserer Beutel versuchen wir uns die Freundschaft der Elefanten zu erschleichen, wobei die ungewohnte Nähe dieser Riesen anfangs schon ein wenig irritierend ist. Bei Kätzchen muss man ja nicht darüber nachdenken, wie und wo man sie anfasst, die können zwar mal kratzen, aber das hier hat eine völlig andere Dimension. 

Wir begleiten die gemütlich schwankenden Tiere zu ihrer Badestelle im Fluß, baden mit ihnen und dürfen sie naß spritzen. Die sonst so draufgängerische Ida-Bandida hat erst mal ganz schön Respekt und ziemlich Panik bei der Vorstellung, dass ihr so ein 3-Tonnen-Tier auf den zarten Ida-Fuß treten könnte. Wohingegen sich Linus von Anfang an mit der größten Selbstverständlichkeit und Hingabe den Elefanten nähert, er wäre der geborene Mahout. Genau, alles weitere lasse ich ihn einfach selbst erzählen!

Die nächsten Tage in Chiang Mai verlaufen ziemlich entspannt, wir ziehen in ein viel schöneres Hotel, in dem wir zu unserer Überraschung eine ganze Suite bekommen, bummeln über die verschiedenen Märkte und schlemmen uns durch die Garküchen der Stadt. Linus bekommt gleich 2x Besuch von der Zahnfee, weshalb er jetzt mit einem ziemlich zerrupften Gebiss weiterreisen muss. Macht ihm aber nichts aus, die Taschenlampe und die Casio-Armbanduhr waren es allemal wert! 

Irgendwann wird ja jeder Touri schwach und so kaufen wir dem Idakind endlich eine der berühmt-berüchtigten Elefantenstoff-Hosen, Nils und Linus bekommen die thailändische One-Size-Wickelhose. 

Mittlerweile hat sich auch so etwas Paradoxes wie eine Reise-Routine eingestellt: Alle 10 Tage muss die Wäsche gewaschen werden, regelmäßig werden die Fotodaten doppelt und dreifach gesichert, zwischendurch brauchen wir ruhige Tage für den Schulstoff, die Filme, das Protokoll. Wir suchen das nächste Reiseziel und müssen eine bezahlbare Unterkunft finden, Rucksäcke einpacken, auspacken (wunderschöne Hotelzimmer verwandeln sich innerhalb von Sekunden in Chaoshöhlen…) Transport organisieren und mit neugierigen Augen die neue Umgebung erkunden.

Natürlich klappt das alles nicht immer reibungslos, wobei wir erleichtert und anerkennend feststellen, dass die Kinder alles was mit dem Reisen an sich zu tun hat unfassbar gut mitmachen. Sie sind so flexibel und aufgeschlossen, probieren fast alles Essen (um dann doch wieder bei Frühlingsrollen und Hähnchenspießen zu landen) und lassen sich ohne mit der Wimper zu zucken auf komplett neue Welten ein. Wenn wir vorher von unseren Reiseplänen erzählt haben, wurden wir manchmal gefragt: „Mit den Kindern?“ Ja klar, unter anderem WEGEN der Kinder. 

Die paar wirklichen nervigen Probleme sind ziemlich genau die, die wir zu Hause auch hätten: schlechte Laune nach zu viel iPod hören, aus unerfindlichen Gründen kein Bock auf Zähneputzen, sinnlose, zermürbende Geschwisterstreitereien.. ziemlich gewöhnliche Probleme also.

Im Gegensatz zu Deutschland läuft unsere Regierungsbildung hier recht unkompliziert ab, Nils leitet den Technikausschuss (von dem er Vorsitzender, Stellvertreter und Sachverständiger in einem ist), Linus wurde zu unserem Finanzminister bestimmt, er darf feilschen was das Zeug hält, die Preise in Euro umrechnen und jede Rechnung in Bar begleichen. 

Ida ist die außerparlamentarische Opposition. Sie diskutiert uns mit umwerfender Argumentationssicherheit in Grund und Boden, zum Beispiel wenn man an einem Chill-Tag doch nochmal den Campingplatz verlassen muss oder wenn Linus trotz Weltreise mal was für die Schule machen soll, was in ihren Augen totaaaaaal unlogisch ist.

Ach ja und sie leitet natürlich die Malwerkstatt. Die Hälfte ihres Gepäcks besteht aus phantasievollen Zeichnungen, selbst gestalteten Büchern, aufklappbaren Papier-Computern, Musikinstrumenten.. sie ist da denkbar kreativ und bastelt sich ihre eigene Welt.

Linus Zeichnungen konzentrieren sich vorwiegend auf die Innengestaltung seines zukünftigen Bauwagens, ja, er träumt immer noch von einem Peter-Lustig-Leben.

Meine Funktion ist nicht so ganz klar, denn Reise- und Tagesplanung, Film- und Fotodokumentation.. all das teilen wir uns ohne festgelegte Ämter. 

In den letzten Tagen wurde ich unfreiwillig zur Kulturgutbeauftragten, als sich rausstellte, dass unsere Kinder weder die Nationalhymne noch das „Vater unser“ kennen. Jetzt kennen sie beides und lassen das auch ungeniert alle Welt wissen. Ich habe den Job sofort wieder abgegeben und suche nun nach einer neuen Funktion.

Auf jeden Fall bin und bleibe ich eure Protokollantin!

Der neue Film läd gerade hoch, die Rucksäcke sind gepackt und der Flieger nach Cambodia wartet. Mit einem ziemlich weinenden Auge verlassen wir Thailand, aber: We will be back!

LIEBE AUF DEN ZWEITEN BLICK

von Thailand nach Cambodia

Jetzt haben wir uns echt lange nicht gemeldet, aber irgendwie musste dieser Text erst erwachsen werden und das konnte er nur, nachdem wir „richtig“ in K A M B O D S C H A angekommen sind. Unsere innere Reisegeschwindigkeit war in den letzten Wochen ziemlich langsam. Aus den verschiedensten Gründen war Kambodscha keine Liebe auf den ersten Blick und wenn man noch gar nicht weiß, was man für jemanden empfindet, ist es superschwer über ihn zu erzählen.

Aber jetzt will ich euch mal unsere neue Freundin vorstellen, dafür spul’ ich mal schnell 3 Wochen zurück…

Also, unsere letzten Stunden in Chiang Mai hatten wir uns eigentlich anders vorgestellt: Den Tag schön gemütlich ausklingen lassen, was Leckeres an den Straßenständen essen, das Weihnachtspaket fertig machen und nach Hause schicken, den eindrucksvollen Tempel ganz aus Silber bewundern, unseren neuen Film und Blogeintrag hochladen, die Rucksäcke so packen, dass die neu erworbene Thai-Geige bruchsicher verstaut ist und mein Handgepäck ausnahmsweise mal nicht eine gemeingefährliche Flugzeugentführungsabsicht vermuten lässt – beim ersten Flug musste die Bastelschere in Bangkok bleiben (durch die Kontrolle in Frankfurt konnte sie sich erstaunlicherweise noch durchmogeln) und mein Schweizer Taschenmesser genießt jetzt seinen Altersruhestand auf Bali. 

Und dann: Nochmal richtig gut und lange ausschlafen!

Pustekuchen. Mit einem unsanften Tritt schmeißt uns das Schicksal aus unserer Wohlfühlwolke. 

Einem balinesischen Schlitzohr ist es anscheinend gelungen ein Duplikat unserer Kreditkarte anzufertigen mit dem es geht nun auf unsere Kosten shoppen geht. Was soll das denn?! Wir dachten Bali bestünde nur aus einem einzigen, friedlichen Lächeln! Welcher Doofkopf wagt es, uns diese, nach Frangipani-Blüten duftende Illusion zu zerstören??

Im Gegensatz zu uns hat die Bank den Betrug auf jeden Fall bemerkt und die Karte ruckizucki gesperrt. Da hat das Schlitzohr zwar schon ein paar Millionen Rupien aufn Kopf gehauen, aber in Euro ist das zu verschmerzen. Wir suchen die gemopsten Beträge raus und erstatten Anzeige bei der Polizei, telefonieren mit der Bank und meiner Schwester Sissy hin und her, die kennen sich beide glücklicherweise gut aus mit solchen Schlitzohr-Aktionen.

Allerdings bleibt unsere Kreditkarte natürlich gesperrt. Die Bank könnte uns aber ne neue Karte nach Hause schicken, wann wir denn wieder zurück seien? …keine Option. Mist. 

Zusammen mit Sissy und Nils Eltern hecken wir einen Giono-Rettungsplan aus und fallen irgendwann weit nach Mitternacht totmüde ins Bett.

Die Nacht ist kurz und der Schock von letzter Nacht liegt uns noch wie ein ekliger Geschmack auf der Zunge. Die herzlichste Hotelbesitzerin ever verabschiedet uns, wir machen Fotos und müssen versprechen zurück zu kommen um dann mit ihr nach Chiang Rai zu den Eltern zu fahren und von ihr thailändisch zu lernen. Sie unterrichtet Teilzeit an der Uni und hat vergeblich versucht uns beim Frühstück die 5 verschiedenen Klänge beizubringen. Ja genau, jedes Wort hat FÜNF völlig unterschiedliche Bedeutungen, je nachdem wie man es betont. Wahlweise hoch, mittel oder tief, fallend oder aufsteigend. Das klingt für unser europäisches Ohr komplett verrückt und wir fragen uns, wie man denn dann Gefühle über die Sprachmelodie transportiert. Gar nicht wahrscheinlich. Wer sich das ausgedacht hat…

Irgendwann lässt sie uns ziehen, aber als nicht sofort ein Taxi für uns anhält holt sie ihren eigenen Wagen und bringt uns höchstpersönlich zum Flughafen. Wir schmelzen vor Rührung und es fällt uns noch schwerer diese Stadt zu verlassen. 

Am Flughafen wird erwartungsgemäß mein Handgepäck herausgefischt, ich wollte mal wieder verdächtige Gegenstände in den Flieger schmuggeln. Diesmal handelt es sich um eine Wasserflasche.

Die netten Mitarbeiter können ja nicht ahnen, dass sie da die trotteligste Flugzeugentführerin überhaupt an der Angel haben, Nils und die Kinder wissen das auf jeden Fall und haben wieder ordentlich Material um sich über mich lustig zu machen.

Den Flug verbringen wir mit dem Ausfüllen von 16 (!!!) Formularen, damit wir überhaupt nach Cambodia einreisen dürfen – da bleibt den wilden Absturzfantasien wenigstens keine Zeit um sich zu verselbstständigen! 

Ida findet Fliegen mal wieder großartig, meint das Bangkok von oben ja aussieht, wie aus Lego gebaut und meint nachdenklich: „Mama, ich fühl’ mich grad so groß wie die Welt!“

Für 132 Dollar bekommen wir in P H N O M  P E N H unser 30-Tage-Visa von mindesten 8 grimmigen Zollbeamten ausgehändigt, die in einer Reihe sitzen und in Fließbandtechnik die Visa-Anträge prüfen. Mit ihrer ulkigen Ernsthaftigkeit würden sie hervorragende Charaktere im neuen Disney-Film abgeben.

Und dann fahren wir mit dem Taxi durch die dunkle, fremde Stadt. Am nächsten Morgen ziehen wir los, wollen die Stadt erkunden und Zugtickets für den nächsten Tag besorgen, aber wir spüren wie uns ein dicker Kloß im Hals steckt. Schlagartig wird einem bewusst, was man unbewusst dachte schon zu wissen: Wie sich so eine Großstadt in einem Entwicklungsland anfühlt. 

Man hat ja schon tausend Arte-Dokumentationen gesehen, die Bilder hat man doch alle im Kopf. Von der Armut, dem Müll, den Straßenkindern, den verwahrlosten Hunden, dem Verkehrschaos… jeder Anblick kommt einem zwar bekannt vor, aber natürlich ist das ein Trugschluss. Und natürlich kann man sich live viel weniger davon distanzieren, als wenn man im Wartezimmer vom Zahnarzt den Spiegel durchblättert und sich von eindrucksvollen Fotos eine Geschichte erzählen lässt. Eine Geschichte von Kindern, die mit der ganzen Familie im improvisierten Straßenstand wohnen und abends die Plastikplane runterlassen um etwas Privatsphäre zu haben, Geschichten vom Müll, der sich überall tonnenweise ansammelt, willkürlich irgendwo auf der Straße, in den Läden, am Gehwegrand, hinter kaputten Mauern. Von Mönchen, die über zottelige Hunde steigen, Menschen die mitten auf der Straße Fleischberge mit dem Beil zerkleinern, Fliegen die sich darauf genauso niederlassen wie auf den Müllbergen und den Hundehaufen, einer Verkehrslogik, die für uns schwerer zu verstehen ist als der Tanz der Bienen. Und von einem über allem liegenden Gestank. 

Aber nicht nur deswegen halten wir den Atem an, es ist wie ein gleichzeitiges Aufsaugen und Auskotzen. Wie eine sich daraus ergebende Lähmung, weil man unmittelbar weiß, dass das die Welt ist. Unsere Welt, von der man nicht ein Prozent kapiert hat.

Die Pixel die auf unsere Netzhäute donnern sind von einer schwer zu verarbeitenden Dichte, viel dichter als Bangkok oder Chiang Mai. Jeder Blick wäre ein Motiv in der Zeitschrift beim Arzt – aber weder Nils noch ich wollen fotografieren. Normalerweise will man ja das festhalten, was außergewöhnlich ist oder von besonderer Bedeutung, aber zum ersten Mal haben wir nicht das geringste Bedürfnis die Kamera auszupacken, denn allein der Gedanke ein „gutes“ Fotos machen zu wollen fühlt sich anstößig an. Bestimmt nicht für jeden, es liegt an uns, an unserer Wahrnehmung, wir sind eben noch ganz jungfräulich hier. Wahrscheinlich wäre das anders nach einigen Tagen oder Wochen, dann fühlt man sich vermutlich ganz natürlich als Teil seiner Umgebung und nicht mehr wie ein paralysierter Betrachter.

Sonntagmorgen um 6:30 sitzen wir dann mit gepackten Rucksäcken am Bahnhof und warten auf den Zug nach  S I H A N O U K V I L L E  in der Hoffnung, dort unsere ersten Eindrücke zu sortieren und nach langer Zeit mal wieder Sand zwischen den Zehen zu spüren. 

Der Zug zuckelt 8 Stunden durch die Landschaft, zuerst ziehen die Slums von Phnom Penh an uns vorbei, dann wird es immer grüner und ländlicher. Als wir durch die Gegend um Kampot fahren werde ich in meiner Vermutung bestärkt, dass wir hier auch noch unbedingt hinmüssen. 

Aber erst mal landen wir auf der Großbaustelle O T R E S Village bei Sihanoukville. Hier prallen Armut und Tourismus ohne Airbag aufeinander, überall liegt Müll rum, wird verbrannt und die Menschen wohnen in einfachsten Wellblechhütten, gleichzeitig bauen russische und chinesische Investoren wie bekloppt riesige Hotelanlagen und Casinos. Lastwagen donnern über die staubigen Straßen und hinterlassen ein regelrechte Kraterlandschaft über die dann TukTuks und Motorroller hubbeln. Über allem liegt irgendwie eine bedrückende Stimmung, der wir uns nicht entziehen können. 

Nach einem langen Strandspaziergang vorbei an tätowierten Russen mit Sonnenbrand und Bierdose landen wir in der Strandbar einer Khmer-Familie, die uns mit ausgezeichnetem Essen und leckeren Drinks versorgt. Das Curry ist höllenscharf und umwerfend lecker, die Pommes sind der pure Waaaaaahnsinn…. die Köchin hat sie zusätzlich in Panade-Teig getunkt, so unverschämt fettig und knackig gehören sie eigentlich auf die Liste der verbotenen Genußmittel.

Hinter der Bar wachsen allerdings schon gigantische Hotels in den Himmel, zur Hälfte sind sie bereits mit kitschig-goldener Pseudo-Stuckfassade verkleidet. Wer weiß, wie lange es die paar Strandbars mit ihren Hängematten und den Hunden und Hühnern noch geben wird… 

Wir lernen Sam kennen, einen ellenlangen Marrokaner, der fließend Deutsch spricht und für die Bar arbeitet. Mit Hingabe rächt er den Strandabschnitt und befreit ihn vom Müll. Der Familie Giovanolte widmet sich mit genauso viel Hingabe, beeindruckt uns mit seinen charmanten Deutschkenntnissen und segnet unser erstes, viel zu frühes Bierchen ab mit den Worten: „Es ist schon fünf Uhr… irgendwo auf der Welt, bestimmt!“

Für den nächsten Tag buchen wie eine Schnorcheltour mit ihm und zwei Khmer-Jungs. Das kleine blaue Boot bringt uns nach Khao Ta Kiev, eine winzige, mit Hängematten und Hippie-Bar dekorierte Trauminsel, deren Strand wir uns mit der obligatorischen chinesischen Touristengruppe und ihren orangefarbenen Rettungswesten teilen. Die Bootsjungs grillen leckere Chickenfilets, später springen wir alle vom Boot ins offene Meer und schnorcheln in unserem kleinen Vierer-Schwarm den Fischen hinterher.

Vom 8 Meter hohen Felsen springen die Giono-Schisser allerdings nicht, dafür bewundern wir unseren Bootsführer, wie er mit einem um eine Plastikflasche gewickelten Nylonfaden Fisch für Fisch aus dem Meer angelt. Cambodia-Style.

Die darauffolgenden Tage verbringen wir im Pool oder in unserem Zimmer mit „Pornorama-Scheibe“ (Linus’ geniale Wortkreation) mit Unterricht: Wir lernen für die anstehende Mathearbeit und Linus bereitet ein Referat über Tsunamis vor. Nils filmt seinen Vortrag und sie schicken es seinem Klassenlehrer. Eigentlich, findet Linus, macht es ja mehr Spaß mit den Anderen in seiner Klasse zu lernen. Und er vermisst sogar seine Lehrer! Wirklich wahr, das schreibe ich jetzt nicht, weil ich weiß, dass ihr mit lest!

Aber wir merken, dass wir am falschen Ort sind um dieses Land zu verstehen, denn hier ist gerade alles „under construction“ und es begleitet uns die ganze Zeit dieses schale, bedrückende Gefühl: In einem Land zu sein, dass so eine bewegende Geschichte hat, eine uralte Kultur, die aber sowohl unter dem Vietnam-Krieg gelitten hat als auch von den Roten Khmer komplett zerstört wurde und deren Bewohner terrorisiert und millionenfach getötet wurden, dieses Land bekommen wir hier nicht zu fassen.

Ein hinterhältiges Magendarm-Biest befällt dann auch noch unsere Kinder! War klar, dass das irgendwann zuschlägt… Unser kleines Zimmerchen verwandelt sich innerhalb einer schlaflosen Nacht in eine Krankenstation und wir zweifeln kurz, ob es wirklich eine gute Idee ist, jetzt eine Woche auf der Insel Koh Rong fern ab von allem zu verbringen. Aber wir haben unseren „Paradise Bungalow“ schon gebucht und wollen weg aus dieser staubigen, seelenlosen Baustelle. Außerdem meint Ida, sie hätte ja gar kein Magen-Darm, sie hätte nur „Schwierigkeiten mit ihrem Kaggi..“ Dass sie auch Schwierigkeiten hatte winzigste Schlückchen Tee bei sich zu behalten, hat sie wohl schneller verdrängt als wir Bananen matschen konnten.

Diese toughe Tante überrascht uns echt immer wieder… Also Kinners, ab aufs Boot!

Die Überfahrt nach K O H  R O N G gibt dem armen Linus noch den Rest, sein Magen hat „Schwierigkeiten“ mit dem Seegang, während seine Schwester sich ne halbe Stunde lang „fünf Freunde“ reinzieht um dann ganz gechillt in der maritimen Achterbahn einzupennen. 

Ziemlich durchgeschüttelt landen wir mitten in einer Bacardi-Werbekulisse: Palmen, puderzuckerzarter Strand und warmes, türkises Wasser.

Wären da nicht der Müll, die unzähligen, dicht gedrängten Backpackerunterkünfte und die braunen, nach verfaulten Eiern stinkenden Abwasserbäche, wir wären wirklich im Paradies gelandet! 

Unser Bungalow ist der letzte am Hang, danach kommt nur noch dichter Dschungel. Einige Affen statten uns einen neugierigen Willkommensbesuch ab und auf der Suche nach Essen klettern sie sogar durch die offenen Seiten in unsere Hütte. Also, an das WG-Leben mit Geckos und Spinnen haben wir uns schon einigermaßen gewöhnt, aber unsere Kekse von Makakken wegfressen lassen, das geht gar nicht!

Strom gibt es nachts und Internet im Gemeinschaftsbereich. Immerhin. Vor ein paar Jahren hatte die Insel noch gar kein Internetanschluss, dann haben die Franzosen ihr Dschungelcamp auf Koh Rong gedreht und seit dem gucken die Backpackerpärchen beim Frühstück nicht mehr aufs Meer sondern auf ihr Smartphone.

In der ersten Nacht zerreist es dann auch mich und ich hocke stundenlang mit Schwierigkeiten auf unserer open-air-Toilette. Durchgeknallte Monster-Zikaden liefern mir dazu einen hirnzerfetztenden Soundtrack, Tinitus hoch zehn. Den nächsten Tag verbringe ich mit höllischen Muskelschmerzen unterm Moskitonetz liegend und fühle mich ein wenig wie Holly Hunter in ihrer neuseeländischen Urwaldhütte. Der Gedanke, dass es auf der Insel lediglich eine Krankenschwester mit begrenztem Medikamenten-Sortiment verdeutlicht uns nochmal, wie selbstverständlich für uns Mitteleuropäer doch der Zugang zu zuverlässiger, medizinischer Versorgung ist. 

Nils pflegt mich liebevoll mit Ingwertee, aber auch seine Verdauung gerät langsam aus dem Gleichgewicht. Und zu allem Überfluss hat Ida im ganzen Mund Bläschen bekommen und kann tagelang nur kalte Milch trinken, was angesichts der umwerfenden Fähigkeiten des hauseigenen Kochs ein echte Schande ist. Wie gut, dass wir eine ganze Woche hier bleiben, genügend Zeit um doch noch was von der Insel zu sehen und vor allem um die komplette Speisekarte abzuarbeiten. 

Die Zeitfensterchen zwischen den Mahlzeiten verbringen wir meistens bastelnd, dividierend, schnitzend, musizierend oder in unserer Hängematte gammelnd. 

Zum längsten und weißesten Strand der Insel kann man angeblich zu Fuß gelangen, wenn man im Dschungel nur immer den FlipFlop-Markierungen folgt – das klingt reizvoll, los gehts.

Es ist zwar brutal heiß aber der Weg ist machbar, die Zikaden sind wieder voll auf Speed und wir voller Vorfreude auf den Strand.

Bis wir auf zwei ziemlich erschöpfte Französinnen treffen, die uns vor dem Abstieg warnen. Kletterpartie? Ach, kein Problem, macht doch Spaß. Eine Stunde? Senkrecht bergab? Glitschige Felsen? Naja, müssen wir den Kindern halt helfen.

Wir starren hundert steile Meter hinunter aufs Meer, die Seile zum Runterhangeln sind schon fast durchgeschrubbt, Ida rutscht beim ersten Schritt direkt aus und über uns in den Bäumen tauchen auch noch Affen auf. 

Gedanklich zoomen wir raus… unser Standort zeigt sich als schwer erreichbares Fleckchen mitten auf einer Insel…. eine Insel, zwei Stunden entfernt von der Küste… vom gammeligen Küstenort Sihanoukville, der nochmal weit weg von guter medizinischer Versorgung ist… Hm…. Nope. Wir drehen um.

Statt lustiger Strandplanscherei gönnen wir uns ein erfrischendes Bierchen in der Skybar mit Blick über Kaoh Touch, unsere belebte Heim-Bucht. Erleichtert feiern wir diese weise Entscheidung und sind wirklich froh, kapituliert zu haben. Am nächsten Tag wird uns ein Boot an diesen Strand bringen, der mögliche Hals-und Beinbrüche echt nicht wert gewesen wäre. 

Ja klar, er ist schneeweiß, menschenleer und uuuuuuuunendlich lang, aber statt atmosphärischen Strandbars und bekifften Backpackern treffen wir nur auf Müll und hinterhältige Sandfliegen.

Ein Großinvestor baut gerade hunderte Bungalows in die Landschaft, vielleicht sollten sie lieber erst mal die Seile im Dschungel reparieren.

Unser Lieblingsstrand im Osten der Insel ist viel leichter zu erreichen, man muss nur durch ein hüfthoches Flussbett waten und hat dann alles das, was wir am Long Beach vermisst haben, eine fototapetenmäßige Kulisse mit superentspanntem Flair. Junge Traveler schlafen in Zelten am Strand, chillige Musik und süße Grasdüfte bereichern die Luft, alles wirkt einen Gang zurückgeschaltet. Hier könnten wir grad nochmal ne Woche bleiben, aber unser Boot zurück zum Festland ist schon gebucht. 

Am letzten Abend wagen wir uns nach Einbruch der Dunkelheit nochmal ins Meer, denn es soll hier fluoreszierendes Plankton geben. Nils und ich kennen das aus Korsika und Griechenland, aber für die Kinder ist es ein völlig neues Erlebnis: bei jedem Schwimmzug glitzern tausende, funkelnde Sternchen um uns herum – ein ganz schön magisches Finale.

Die Bootsfahrt am nächsten Tag zerstört natürlich jenes kitschige Glücksgefühl vom Vorabend, der Seegang ist heftig, das Schiff klatscht donnernd auf die hohen Wellen und wir können uns kaum entscheiden zwischen Angst und Übelkeit. 

Doch dann werden wir belohnt mit einer neuen Liebe: K A M P O T. 

„Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden“ – jetzt dürft ihr erstmal unseren neuen Film gucken, eure verfrorenen Winter-Nasen an den virtuellen Sonnenstrahlen wärmen und euch ganz fest umarmt fühlen von uns. Wir vermissen euch alle sehr!!

CAMBODIA DIE ZWEITE

…und dann kam Kampot.

Mit der Geschwindigkeit eines Meteoriteneinschlags landen unsere Herzen an ihrem neuen Lieblingsort und schlagen sofort Wurzeln. Ein Freund hatte uns empfohlen auf jeden Fall zwei oder drei Tage in KA M P O T zu bleiben, wir bleiben neun. 

Unsere neue Herberge „Les Manguiere“ gehört einem engagierten Franzosen, seiner kambodschanischen Frau und den vier Kindern, liegt direkt an dem großen, sanft vor sich hin fließenden Kampot River und ist die perfekte Mischung aus Jugendherberge, Campingplatz, Parkanlage, französischem Bauernhof und kambodschanischem Holzhüttendorf. Die Besitzer treffen wir zwar nicht an, aber dafür alles, was bei uns einen Meteoriteneinschlag eben auslöst: Babykatzen, Tischtennisplatte, Hängematten, Meerschweinchen, selbstgemachte Marmeladen, Weihnachtsdeko, Brettspiele, frisches französisches Frühstück, Kajaks, Fahrräder, Mopeds, Schaukeln… als wären das nicht schon genug Zutaten für einen Lieblingscocktail treffen wir mal wieder auf ein reizendes Team: 18 Khmerfrauen und -männer, die mit der allergrößten Ruhe und Gelassenheit den Laden hier schmeißen. Ein Betreuungsschlüssel, der für südostasiatische Verhältnisse ziemlich normal ist. Das haben wir mittlerweile gecheckt und wundern uns nicht mehr darüber, wenn an der Rezeption 4 scheinbar unbeschäftigte Typen lümmeln, nochmal 3 hinter der Bar und man sich fast schämt, die gemütliche Ruhe mit so profanen Wünschen wie einer Bier-Bestellung zu stören.

Natürlich protestieren Ida und Linus vehement, als wir sie dem Bann der Babykätzchen entreißen wollen – auf der Liste der Wunschhaustiere rutscht das Babykätzchen, vorbei an Frettchen und Einsiedlerkrebs, wieder ganz nach oben – aber wir haben nunmal diesen bitzeligen Erkundungsdrang und wollen endlich erfahren, wie sich das Cambodia um uns herum anfühlt. 

Also schwingen wir uns auf ein paar verrostete Drahtesel und hoppeln durch die Gegend, auf sandigen Wegen voller Schlaglöcher, zum nahegelegene Dorf, dem Tempel und der Garküche, die uns eine besonders süße Mitarbeiterin empfohlen hat. Sie schickt uns auch in den kommenden Tagen mit ihren Zettelchen los, auf die sie schnörkelige Khmer-Buchstaben malt – alles Hinweise mit deren Hilfe wir uns dann durchfragen können um zu ihren Lieblingsplätzen zu gelangen. 

Der erste dieser Plätze liegt direkt am Fluß. In überdachten Holzebenen auf Stelzen sitzen die Gäste auf dem Boden oder liegen in Hängematten und essen gefüllte Pfannkuchen und Papayasalat. Für 4 satte Personen zahlen wir schlappe 19000 Riel (vielleicht 5 Euro) und endlich fühlt sich alles ganz echt an. Denn bisher haben wir in Cambodia fast immer in Dollar entsprechende Ausländerpreise bezahlt, sind an der Tourioberfläche entlang geglitten und abgerutscht.

Am nächsten Tag schnappen wir uns die hauseigenen Kajaks und paddeln drauflos, flußaufwärts, durch die sattgrüne Landschaft, begegnen einem halbverwesten Hund, der offensichtlich nicht bei Herrn Nolte den Schwimmunterricht besucht hat, angeln eine tote Schlange aus dem trüben Wasser und landen am Abend erschöpft und ziemlich hungrig in unserem gemütlichen Zuhause. Jeden Tag wird hier ein anderes 3-Gänge-Menü gezaubert, was immer umwerfend lecker und eine ziemliche gekonnte Slalomfahrt zwischen Cambodia und Frankreich ist.

Im Laufe der nächsten Tage legen wir die Schorchel der Neugierde an und tauchen immerhin knapp unter der Oberfläche dieses eindrucksvollen Landes, erahnen aus der Ferne was es da noch alles zu entdecken und erleben gäbe und wünschen uns noch viel mehr Sabbatjahre! 

Zumindest mal eines, um die Sache mit der Schule zu vertiefen… Uns wurde nämlich gesagt, dass sich die Lehrer über Unterstützung beim Englischunterricht freuen würden. Alla hopp, wenn das mal keine Mission für uns ist!

Wir sind dann einfach reingelatscht, naja, nachdem wir mit unseren Rädern endlich den Weg zur Schule gefunden und unsere Hemmungen und Bedenken abgestreift hatten.

Schon das Schulgebäude ist ungewohnt aufgebaut: Ein eingeschossiger Bau, in dem die Klassenzimmer hintereinander aufgereiht liegen und aus denen, die im Chor nachbetenden Kinderstimmen dringen. Anscheinend haben nicht alle Kinder gleichzeitig Unterricht, denn das große, sandige Gelände ist voll von wuselnden Kinder verschiedensten Alters, manche können grad so laufen, andere tragen schon erste adoleszente Züge, einige auch Schuluniform. Ein System ist darin nicht zu erkennen, aber alle gucken sich die blassen Europäer kichernd an und schwirren neugierig um uns herum. Sie spielen mit Murmeln oder fahren halsbrecherisch auf viel zu großen, viel zu verrosteten Fahrrädern durch den Staub. Niemand spricht Englisch. Auch die Lehrer nicht. Wir sitzen ratlos auf ein paar Steinbänken und lassen uns begutachten.

Irgendwann kommt ein junger Mann angeschlurft, setzt sich zu uns und wir plaudern gemütlich. Er ist der Englischlehrer, Mr. Ren, ein freundlicher Mensch ohne Eile. So wie eigentlich alle hier, in ganz Cambodia. Ja, eigentlich war das auch in Thailand und Indonesien so. Ein paar Mal mussten wir mal irgendwo hinhetzten, um noch schnell was zu besorgen, Liegengebliebenes wiederzuholen oder die Yogastunde nicht zu verpassen, und jedes Mal fühlt man sich dabei fast schuldig, an diesen grundentschleunigten Menschen vorbei zu stürzten und dabei rücksichtslos ihr Zeit-Aktivitäten-Koordinatensystem durcheinander zu bringen.

Aber zurück zur Schule. Wir sollen mit in die Englischklasse kommen, Mr. Ren lässt die Kinder einige vorkonstruierte Konversationsblöcke von der Tafel abschreiben und dann soll Mister Nolte den weiteren Unterricht übernehmen. Das tut er natürlich in seiner dynamischen Art. Mr. Ren ist begeistert und wir versprechen wieder zu kommen.

Der zweite Besuch wird viel intensiver, Mister Nolte darf ganze 2 Stunden unterrichten und ich darf die Kindern mit ihrem wichtigsten (und meist auch einzigen) Konversationsfetzen filmen: „My name is…“ – und da war sie wieder, diese kometenschnelle Verknalltheit in all die verschiedenen, rührenden, lustigen, frechen, schüchternen Wesen mit ihren unaussprechlichen Namen. 

Diese Sprache hat ja Laute, die wir weder identifizieren geschweige denn aussprechen können. Kein Wunder, dass es für sie andersherum auch fast unmöglich ist, Englisch einigermaßen korrekt auszusprechen, weshalb mich ein zweiter Englischlehrer irgendwann in seine Klasse bittet um mit seinen Schülern „correct pronunciation“ zu üben. Also brüllen 30 Kinder gleichzeitig mit mir die Zahlen hoch und runter, immer in diesem antrainierten Dompteur-Duktus, und stolpern alle über die gleichen, unmachbaren Laute.

Währenddessen geht’s in Mister Noltes Klasse viel ungezwungener zu, er macht mit den Schülern lustige Lernspielchen und die Kinder und Mr. Ren lachen sich kaputt.

Als die Sonne langsam untergeht und die Kinder in alle Himmelsrichtungen verschwinden, radeln wir nach Hause, ganz beseelt und dankbar für diese Begegnung, machen uns aber natürlich keine Illusionen bezüglich der Nachhaltigkeit unseres Besuchs. Man müsste viel mehr…. und viel öfters… und überhaupt.

Die Lehrer wurden während der Khmer Rouge Diktatur ja radikal weggesäubert, das Ziel war ein reiner Agrarstaat, nur noch Bauern, keine Bildung bitte und auf keinen Fall Intellektuelle überleben lassen. Damals wurde auch die komplette Stadtbevölkerung von Phnom Penh aufs Land deportiert oder ermordet, die Bürger enteignet und gnadenlos überwacht. Angeblich überlebten nur ca.100 Lehrer diese Terrorherrschaft. Muss man sich mal vorstellen, alles musste danach wieder bei Null beginnen, sich neu entwickeln, definieren, Verschüttetes wiederfinden, Angst loswerden und Identität formen.

Unsere neun Tage in Kampot vergehen wie im Flug, aber ohne einen Millimoment der Langeweile. Jeden Morgen noch vor Sonnenaufgang werden wir verläßlich vom ohrenbetäubendem Lärm der Fischerboote aus dem Schlaf gerüttelt. Sie bringen die nächtliche Beute zurück, ihre Kutter tuckern mit Presslufthammer-Sound den ganzen Fluß aufwärts und gefühlt tausend Mal quer durch unser Schlafzimmer. Sobald die Intensität dieser hirnpürierenden Aktion langsam nachlässt dreht dann irgendein Vollidiot auf der anderen Flussseite seine Anlage so laut auf, dass unsere Ohropax definitiv an ihre Leistungsgrenze stoßen. Drei Tage lang dröhnt bis nachmittags die Musik in einer aberwitzigen Lautstärke zu uns hinüber und erst viel später erfahren wir, dass es sich dabei um eine traditionelle Beerdigungsfeier gehandelt hat – da wären wir ja im Traum nicht drauf gekommen.

Aus dicken Nebelwolken taucht sie dann auf, die Giono-Gang auf ihren zwei Mopeds, schraubt sich auf den BOKOR MOUNTAIN hoch, diesen Nationalpark, den die Franzosen Anfang des letzten Jahrhunderts als Rückzugsort wählten. Is ja auch logisch, in einem Prä-Klimaanlagen-Zeitalter konnten sie unten vermutlich keinen graden Gedanken fassen, wohingegen es sich im Kapuzenpulli-kalten europäischen Klima hier oben bestimmt ganz gut entspannen ließ. Neben einem neuen Casino und protzigen Hotel findet man hier noch verstreut Spuren der Besiedelung aus den 20er Jahren, eine runtergekommene Casino-Ruine, postmoderne Villen, eine Kirche… alles verwittert und bemalt und man möchte echt stundenlang mit der Kamera umherjagen, weshalb Nils auch schon einen richtigen Vorfilm zum nun folgenden Kampot-Movie produziert hat.

Während Linus ja erkannt hat, dass er mittlerweile gar keine Angst mehr vor Menschen mit verschimmelten Zähnen hat, wird das Gewackel in Idas vorderster Zahnreihe immer stärker und erst nach laaaaangen, einfühlsamen Gesprächen fischt sie sich mitten in einer dieser verlassenen Villen ihren zweiten Milchzahn aus dem Mund – eine weitere Herausforderung für unsere kleine Zahnfee! Schon beeindruckend, dass man sich auf dieses global fungierende Feen-Netzwerk auch in Asien hundertprozentig verlassen kann…

Später schnallen wir wieder unsere totschicken Helme auf und arbeiten uns durch Wolken, Nebel und Sturzregen den Berg hinab, zurück ins kuschelig warme Kampot.

Zu viert mit dem Roller nach Lust und Laune durch die Landschaft zu gurken ist von uns mittlerweile zur Königin unter den Fortbewegungsmöglichkeiten gekrönt worden. So frei und ungebunden, so nah an allem dran, so viele echte Eindrücke und überraschende Begegnungen hat man selten. In unserem anderen Leben wäre es ja undenkbar die Kinder mit aufs Moped zu packen, hier ist es fast zur Selbstverständlichkeit geworden. Zwar sind die Vorstellungen von Verkehrsregeln komplett anders als unsere, allerdings hat man den Eindruck ständig mit allen Anderen im intensiven Austausch über die Lage zu stehen: 

> Überholmanöver links oder rechts? Huuup. 

> Eine gewagte Kurve? Huuup. 

> Einmal quer rüber durch den Wahnsinn? Augen zu und.. Huuup. 

> Sollte man vielleicht besser bremsen? Huuup. 

> Muss man JETZT WIRKLICH UNBEDINGT BREMSEN??!? Huuuuuuuuuuuuuuppp….

Das System is jetzt nicht sooooooo super kompliziert.

Mit dem Gehupe im Ohr und dem Fahrtwind um unsere neugierigen Nasen erkunden wir also auf staubig-roten „bumpy roads“ das Umland, besichtigen die Salzfelder, eine Pfefferfarm, treffen auf zwei lustige Schwestern bei der Reisernte und dürfen ihren Männern bei Herausklopfen der Körner zugucken. 

Dürften wir uns für diesen wunderbar authentischen Ort mit der etwas schrammeligen aber lebendigen Innenstadt im französischen Kolonialstil und dem Haufen netter Bars am Flussufer noch eine extra Perle wünschen, es wäre wahrscheinlich was Künstlerisches, das Menschen zusammenbringt und sich mit der Geschichte des Landes auseinander setzt.

Und wie es das Schicksal so will, purzelt sie uns genau vor die Nase, diese Perle: die „Epic Arts“ Organisation (http://epicarts.org.uk/)

Sie setzten sich ein für Akzeptanz und Integration von Menschen mit Beeinträchtigungen jeglicher Art, schenken sie ihnen Sichtbarkeit und Wertschätzung auf eine Art und Weise, die unser Herz schon wieder zum Hüpfen bringt! 

Es dobbst durchs Café, indem man mit Zetteln bestellt, da viele Angestellte gehörlos sind, tanzt zu den lustigen-lebensfrohen Musikvideos, die die Message unmissverständlich in die Welt rausschicken. Und als wir Samstagabend auf dem Boden des alten Kinos von Kampot sitzen macht es sogar begeistert Freudensaltos!

Staunend folgen wir einer ergreifenden Show der inklusiven Tanztruppe, unsere Augen weiten sich zu offenen Fenstern, durch die ein Lichtschwall an Eindrücken die Geschichte Cambodias auf unsere Netzhäute schickt – unsere nicht vorhandenen Erwartungen werden haushoch übertroffen!

Die erste Szene erzählt von den kulturellen Wurzeln, symbolisiert durch ein paar Frauen, die einen dieser formellen, traditionellen Tänze performen.

Danach stürmen zeitgenössische Tänzerinnen und Tänzer auf die Bühne, zu lebensfroher Rock’n Roll Musik zeigen sie, wie unbeschwert das Leben in ihrem Land damals, vor den roten Khmer war. Danach folgen bedrückende Szenen begleitet durch visuelle Projektionen der grauenhaften Terrorherrschaft Pol Pots und zuletzt der optimistische Ausblick und Glaube daran, dass die Geschichte die Menschen in dem Land nur stärker und positiver macht – „come back brighter“, so der Titel der Show.

Unsere vier Herzen, die sowieso für Tanz, Musik und Kunst schlagen, teilen diese Hoffnung und brennen für die Idee, dass jeder Mensch wertvoll und bereichernd ist, egal welche Einschränkung er mitbringt.

Eins steht fest, mit Cambodia verbindet uns eine tiefe Liebe auf den 2. Blick! Bald wird uns wohl der Schnorchel nicht mehr zum Luftholen ausreichen, wir würden gern viel tiefer tauchen, aber dafür bleibt diesmal sowieso keine Zeit, denn wir haben ja ein heißersehntes x-mas-Date mit meiner Schwester Sissy und ihrer Familie in Thailand!

Mit einer Hand voller Zettelchen, in denen auf Khmer steht, was unsere möglichen Bedürfnisse während einer 5 stündigen Fahrt bis nach K O H  K O N G sein könnten, steigen wir in das Taxi eines Fahrers, der kein winziges Wörtchen Englisch spricht. Diesmal sind wir die Stummen, die mit der Einschränkung. So wie jeder an den meisten Orten der Welt sprachlos und fremd ist. Klappt aber erstaunlich gut, die Zettel-Kommunikation.

Der skurrile Grenzübergang auch. Wieder müssen wir tausend Formulare ausfüllen, werden von einer Bude am Straßenrand zur nächsten geschickt und landen irgendwann dann tatsächlich zu Fuß und mit einem neuen 30Tage Visa in der Hand in Thailand. Mit uns unzählige halboffzielle Schmuggler, die zu Fuß Handkarren voll Ananas und anderen Krams über die Grenze ziehen, immer genau die Menge, die man gerade nicht verzollen muss. 

Bei all dem Hickhack mit Visa und Zoll wird einem mal wieder richtig bewusst, welcher Luxus uns mit der Idee „Europa“ geschaffen wurde und wie selbstverständlich es mittlerweile geworden ist. Und wie absurd die Vorstellung ist, das Menschen ernsthaft daran zweifeln, dass dieses Bündnis im Grunde eine saugute Idee ist. 

Wir wollen jetzt auf jeden Fall endlich nach KOH KOOD, nach der langen Taxifahrt bis Koh Kong und dem TukTuk bis zur Grenze, besteigen wir zuerst einem Minibus nach Trat, dann ein  Abzockearsch-Taxi bis zum Pier, verbringen zwei Stunden auf einem wackeligen Boot und dann nochmal eine Stunde hobbeligen TukTuk-Transport bis wir endlich überglücklich in Sissys Armen landen.

Der wilde Teil der Reise ist erstmal vorbei, jetzt wir Urlaub gemacht!

Haere mai

Einen kleinen Erleichterungsseufzer ausstoßend sitzen wir letztendlich doch noch im Flieger nach Neuseeland – hätte man sich ja durchaus denken können, dass die Neuseeländer uns ohne Rückflugticket gar nicht erst in die Maschine lassen! Große, unschuldige Kulleraugen und ein überraschtes „Oh…“ in niedlicher Disneyhasen-Manier bringen uns leider auch nicht weiter.

Wir sind vermutlich nicht die ersten Touris, die insgeheim vorhaben einfach in Neuseeland zu bleiben und dilettantisch hoffen, dass es niemandem auffällt.

Nee, Spaß, wir waren einfach viel zu beschäftigt mit unserem herausfordernden Inselleben, mussten uns täglich um die Bestellung von ausreichend Mojitos kümmern, mit Papageienfischen um die Wette schnorcheln und das innere Fotoalbum mit eingescannten Sonnenuntergängen bestücken – wer denkt da schon an Visabestimmungen und Weiterflugtickets? Wir auf jeden Fall nicht.

Da wir aber aus unerfindlichen Gründen pünktlich in A Y U T T H A Y A  losgefahren sind (nachdem wir noch am Vormittag bei glühender Hitze alte Tempelruinen inklusive dem eingewachsenen Buddhakopf, eine Art Mona-Lisa des alten Siamreiches, abgeklappert haben) bleiben uns am Flughafen in Bangkok glücklicherweise noch ein paar Minuten Zeit um quer durch die Halle zum Internetcafé zu stürzen und schnell irgendeinen Flug zu buchen. Idealerweise nachdem der Schul-Term der Kinder endet und bevor die 90 visafreien Tage ablaufen. Nach einer zackigen Akrobatikeinlage im Kopfrechnen bleiben uns genau 2 Tage zur Auswahl. Puh, reduziert die möglichen Flugverbindungen auf ein paar Hundert, fragt sich also nur noch wohin genau. Wir entscheiden uns für Melbourne, drucken die Tickets aus, stürzen zurück zum Check-in-Schalter und hüpfen auf unser Schiff. Noah hat von allem was eingepackt, Asiaten, Inder, Europäer, Kiwis, Alte, Junge, Verschleierte… ein schöner, gemischter Salat und wir vier Gürkchen dürfen also auch mit rein.

Auf der Flugzeugtoilette dann der erste Erkenntnismoment: Ida guckt mich hilflos an, sie kann den Mülleimer fürs Klopapier nicht finden! Hm, komisch… keine Ahnung… Ach nee, Kind, du darfst das Papier ja in die Schüssel schmeißen. Sie guckt jetzt ganz ungläubig, als würde ich ihr vorschlagen an der Supermarktkasse Kaugummis zu mopsen oder Popel zu essen. Ruckizucki, bevor’s jemand merkt, beenden wir den halbkriminellen Akt und mir dämmert langsam, was es also auch heißt nach Neuseeland zu reisen. Es bedeutet Asien zu verlassen. Und damit auch alles das, woran wir uns die letzten Monate gewöhnt hatten.

Es bedeutet aber erstmal, dass wir am Flughafen in Auckland in einer gigantischen Schlange stehen um ein kompliziertes Einreiseprozedere mitzumachen, ein Spielchen, dass uns ja nicht weiter stören würde, wäre da nicht dieser zeitnahe Anschlussflug nach Christchurch, der vermutlich nicht auf Familie Giovannini-Nolte wartet.

Es bedeutet auch, dass die Flughafenmitarbeiter nicht sofort in ein entzücktes Quicken verfallen, wenn Ida mit ihrem dicken Rucksack an ihnen vorbeistiefelt und keiner unbedingt an ihr rumzubbeln und knuddeln muss.

Es bedeutet vorallem aber, dass keiner der Mitarbeiter daran interessiert zu sein scheint uns weiterzuhelfen… Könntet ihr nicht wenigstens so tun, als läge euch unser Schicksal am Herzen? Bisschen asiamäßig viel Wind machen und schnell irgendwelche Lösungsvorschläge ausdenken?

Sorry, no, keiner ist für unser Problem mit dem Weiterflug zuständig und nach dem wir eine Ewigkeit später erfolgreich ausgecheckt haben und eingereist sind, ist der Flieger natürlich weg. Und dass, obwohl wir noch einen filmreifen Sprint zwischen den Terminals hingelegt haben, als wäre die Klo-Polizei hinter uns her.

Erstaunlicherweise bucht man uns, zwar emotionslos aber dafür unkompliziert, um und wir landen nur zwei Stündchen später als geplant in C H R I S T C H U R C H, liegen Minuten später in Gabys Armen und sind daheim.

Alles vertraut, alles so wie wir’s uns vorgestellt haben, alles gut.

Genau vor fünf Jahren standen wir an genau dem gleichen Flughafen und haben uns von Gaby verabschiedet. Sie ist die Tante meiner besten Freundin Jule. Als wir Teenager waren genossen wir beide das unglaubliche Privileg, bei Gaby, ihrem Mann Allan und deren kleinen Tochter Isabel wohnen zu dürfen und in Christchurch die Highschool zu besuchen – in den 90er Jahren für viele ähnlich exotisch wie Chiasamen oder Internetzugang. 

2018 ist es eigentlich nur noch ein verdammt langer Flug und von dem dürfen wir uns jetzt in Gaby und Allans schnuckeliger Gästehütte in Ruhe erholen.

Vor fünf Jahren genossen wir schonmal dieses Rundum-Verwöhn-Packet, als wir am Ende unserer dreimonatigen Campertour durch Neuseeland hier einkehren und zur Ruhe kommen durften. Ida hatte gerade am Strand laufen und das Aroma von Pazifiksand kennengelernt, Linus im Urwald seinen ersten Milchzahn verloren und wir feierten noch jede Nacht wilde Babypartys mit Ida als DJ und ordentlich Dezibel im Camperwagen. Schon damals war Ida ein wildes Kerlchen, zwar mit ganz guten Täuschungstaktiken, aber Allan hat ihr damals scharfsinnig den Spitznamen „Ida-Bandida“ verpasst.

Diesmal könnten wir weiter nicht weg sein, kilometermäßig von euch und unserem eigentlichen Zuhause – gefühlstechnisch trennen uns gerade Lichtjahre von den Ländern, die wir in den letzten Monaten bereist haben. Aber hier strahlt sie ihr schönstes, blend-a-med-gepflegtes Lächeln, diese für uns sonst so selbstverständliche „erste“ Welt.

Obwohl wir es wissen müssten, überrascht es uns tatsächlich, und wir staunen, wie ordentlich, sauber, weitläufig, organisiert und rechtwinklig hier alles ist. Und darüber, dass wir uns mit Leitungswasser die Zähne putzen, es sogar trinken dürfen! Plötzlich sprechen wir auch nicht mehr besser Englisch als 99% der Menschen um uns herum und wir gewöhnen uns langsam daran, dass sich die Preise auf einem anderen Niveau tummeln und keine Verhandlungssache mehr sind, man dafür aber rein theoretisch mit Füßen auf die Geldscheine treten dürfte ohne gleich wegen Majestätsbeleidigung angeklagt zu werden. Andererseits sind wir endlich den muffeligen Mitreisenden namens Mißtrauen los, der ständig befürchten muss von irgendeinem Schlitzohr über das selbige gehauen zu werden. 

Dafür gibt es hier endlich wieder Käse! Und: Gabys selbst gebackenes Körnerbrot!! Unsere Verdauung guckt zwar etwas verdattert, was das plötzlich soll und wo das Curry zum Frühstück bleibt, aber unsere Gaumen genießen die Abwechslung, vor allem die Sauvignon-Blanc-Spülung hinterher.

Na gut, genug jetzt mit der Rumvergleicherei, die Liste ließe sich unendlich fortführen, aber wer braucht schon diese leidige Gegenüberstellung. Wir spüren nur einen sanften Erkenntnissruck, dass sich trotz omnipräsenten Globalisierungseffekten die Innenausstatter dieses Planeten noch nicht wirklich absprechen. Was wir erstmal völlig wertfrei meinen und zu den anderen Schätzen in unsere Erfahrungssammlung schmeißen.

Die Kinder konnten es kaum erwarten endlich in Neuseeland anzukommen, haben sich tierisch auf Gaby und Allan gefreut und auf ihre Lego-Pakete – die nämlich auf Grund von Kommunikationsschwierigkeiten im Weihnachtsmann-Büro nicht wie bestellt nach Thailand sondern direkt nach Christchurch geliefert wurden. Umso besser, denn am Strand wären die Lego Häuser bestimmt nicht lange bewohn- und bespielbar geblieben, ranghohe Einzelteile hätten sich vermutlich der unter Fluchtgefahr leidenden Reisegruppe aus Badehosen, Hawaiianas, Sandalen, Kuscheltieren, dem Strohhut und der Handyhülle angeschlossen. Idas Erkenntnis in dem Zusammenhang ist fragwürdig aber in der kindlichen Logik vollkommen überzeugend, denn eigentlich sei Plastik überhaupt nichts Schlechtes, weil ohne Plastiktütchen gäbe es ja kein Lego, weil das ja sonst einfach durch den Einkaufswagen wegpurzeln würde. Also sei Plastik doch was Gutes. Is doch total logisch. Nun gut, Bildungsauftrag fehlgeschlagen. Wobei, vielleicht hätten wir mal besser unsere Sandalen und den Strohhut in Plastik eingepackt, vielleicht wären sie nicht durch die Löcher in der Matrix verschwunden…

Unsere Tage in Christchurch vergehen wie im Flug (nur viel angenehmer und völlig ohne Turbulenzen) und dank Gaby versacken wir nicht ausschließlich in irgendwelchen Malls und Outdoorläden, um Linus endlich optisch akzeptable Turnschuhe zu besorgen und über Zeltgrößen und Isomattendicken zu diskutieren, sondern baden mit Bodyboards in den wilden Pazifikwellen bei TAILORS MISTAKE und schlecken nach Monaten des spärlichen Speiseeiskonsums (Kamerad Mißtrauen hatte Bedenken wegen Salmonellen) weltklasseleckeres Eis in SUMNER. Samstagvormittag schlendern wir entspannt über einen „farmers market“ im Riccarton Park, wo Isabel Biobrot verkauft und ihr Freund die Waffeln zu oben gelobtem Eis backt.

Einen Tag lang unterhalten uns Museum, Botanischer Garten und die Straßenkünstler beim BUSKERS FESTIVAL. Wir besorgen uns ein kleines, japanisches Mietauto (statt dem, in den Jungsköpfen erträumten Landrover-Allrad-Ansaugstutzen-Pick-Up oder einem instagramtauglichen Hippiebus), und wandern mit Gaby und Allan über die gelben, kahlen Hügel der BANKS PENINSULA zu einer Bucht, in der ich 1994 meine erste, in Regenbogenfarben schillernde Paua-Shell gefunden habe. Natürlich ist das auch 2018 die obligatorische Mission und die Bucht wird nicht verlassen, bevor die Tüte voll ist. 

Nach dem Vagabundenleben genießen wir es aber auch, uns im „häuslichen Betätigungsfeld“ auszutoben und holen einiges nach: kochen, Körperpflege, Wäsche selber waschen, den Garten wässern und frisieren, selbst genudelte Fettuccini futtern, den Kater Casper liebhaben und sich die Liebe der Katze Anwin erarbeiten, das Wohnzimmer zum Lego-Schachtfeld erklären und Gabys Malstudio besetzten. 

Gleich dreimal hat dabei die Erde gebebt und jedes Mal hat es sich angefühlt, wie ein kräftiger Schlag aufs Haus. Und nein, es war wirklich nicht der Ruck unserer bahnbrechenden Erkenntnisse! Es waren richtige, ernstzunehmende Erdbeben, die völlig aus dem Nichts kamen, ordentlich Lärm machen und glücklicherweise direkt wieder vorbei waren und keine Schäden angerichtet haben.

So wie wir oft unbewusst den Wohlstand für selbstverständlich erachten, hinterfragt man ja selten den Boden unter unseren Füßen. Und plötzlich dann bewegt der sich, ganz von allein, mit einer Kraft von tief unten. Das ist spooky, aber auch sehr faszinierend – und ein weiterer Schatz in unserer Sammlung! Die Stadt selbst ist ein einziges Zeugnis dieser Kräfte, denn 2011 zerstörte ein mächtiges Beben fast die komplette Innenstadt, die nun Stück für Stück neu aufgebaut wird und ihr Gesicht dabei völlig verändert. 

Weil wir noch etwas Zeit haben, bevor wir unser Häuschen in MOTUEKA beziehen, beschließen wir ein paar Tage zelten zu gehen, auf der ONUKU FARM in AKAROA. Es ist ein wunderbarer Ort, der den Hippieanteil in unseren Herzen höher schlagen lässt. In unserer Reise-Choreografie scheint nun der Teil zu folgen, in dem sich die Tänzer gequält winden und nach Erlösung suchen, denn wir haben uns nach zähem Abwägen zwischen Comfort–Gewicht–Preis im Kreis gedreht und dann für ein winziges Dreimann-Zelt entschieden. Und für steinharte Isomatten. Nur Nils hat sich ne Aufblasbare gegönnt, weshalb wir schließlich zu zweit auf 50cm Thermarest schlafen, oder es zumindest versuchen. Aber am Morgen werden wir vom Sonnenaufgang erlöst, sitzen um 8:00 mächtig müde auf unseren Kayaks und paddeln durch die Bucht von AKAROA auf der Suche nach: Delfinen. Mal gucken. Die Stimmung ist noch durchwachsen und wir diskutieren wild, wo es am wahrscheinlichsten sei, welche zu entdecken, als das Adlerauge Nils die ersten Finnen in der Ferne sichtet. Plötzlich sind wir alle wach.

Und um uns herum schwimmen Delfine, bildhübsche Hector-Delfine, dutzende. Auch wenn sie aussehen, wie der neuste Design-Coup von Steve Jobbs – die sind echt echt! 

Unfassbar schön, kitschig aber geil. Unsere Endorphinfabriken arbeiten auf Hochtouren und als Linus dann noch mehrere wunderschöne Pauashells aus dem Wasser angelt ist seine Fabrik kurz vor der Kernschmelze. 

Eltern sind ja bekannt dafür, dass sie ihre Kinder gerne bescheißen, vor allem, wenn es um die Dauer von Wanderungen geht, also nutzen wir geschickt die Glückseligkeit des Moments und überreden Linus und Ida noch zu einer winzigkleinen Wanderung auf einem Höhenweg mit spektakulärer Aussicht auf die Küste, die Bucht und das Meer. 4 Stunden später sind wir alle ausgepowert und unser inneres Fotoalbum um ein paar hundert Postkartenmotive reicher. Die letzte Nacht in unserem Zeltstoff-Palast steigert nur die Vorfreude auf unser nächstes Etappenziel, das Häuschen im Motueka Valley, mit Garten, dekadenten vier Schlafzimmern und 10 Betten. 

Wir verwerfen rasch unseren irrsinnigen Plan, noch eine Nacht in den Bergen zu zelten, da ein kräftiger Sturm über Neuseeland fegt, Äste über die Straßen wirbelt und die Temperatur in den Bergen empfindlich gesunken ist. (Ich beziffere das mal lieber nicht, sonst lacht ihr, die ihr gerade dem grausamen Winter trotzt, uns bestimmt aus)

Und so durchqueren wir im Schutz unseres kleinen Toyota Corolla die eindrucksvollen Southern Alpes mit ihren unberührten Bergen und den weiten Tälern mit breiten, ungezähmten Flüssen, die an eine Anleitung für komplizierte Flechtfrisuren erinnern. Nils sitzt im selben Kinofilm wie vor fünf Jahren und sieht vor seinem Geografenauge, wie Urgewalten die Berge auffalten, sich gigantische Gletscher durch die Landschaft schieben, Flußsteine mit sich schleifend und Endmoränen aufschüttend die Landschaft gestalten.

Ida-Bandida pennt, Linus darf wegen seinem empfindlichen Magen auf dem Premiumplatz neben dem Fahrer sitzen und hört mindestens siebzehn Folgen „drei Fragezeichen“, während ich unter diversen Gepäckstücken begraben auf der Rückbank ausreichend Zeit habe über all das nachzudenken, was jetzt auf uns zu kommt.

Wir planen quasi den Kostümwechsel für den nächsten Akt, der sich nicht mehr nach Reise anfühlen wird, sondern nach Ankommen. Wir wollen viele Ausflüge in die Natur machen und unbedingt noch ein paar kuschlige Nächte im Isomatten-Spar-Hotel verbringen, die Kinder werden beide in die Schule gehen und Nils und ich müssen mehr oder weniger sinnvoll unsere Zeit gestalten. Die beiden werden Englisch lernen und wir können uns dann irgendwann nicht mehr heimlich in ihrer Anwesenheit über sie unterhalten. Vielleicht sollten wir aus dem Grund auch ne neue Sprache lernen? Auf jeden Fall haben wir den längst überfälligen Plan mal wieder richtig fleißig zu sein, endlich die Viermilliarden Gigabyte Fotos auszusortieren, mindestens einen neuen Film zu basteln und ein bisschen was über die letzten Wochen in Thailand zu schreiben. Bisher war die Realität zu unterhaltsam, unser Arbeitsverhalten ungenügend. Sorry! 

Aber wir holen das alles nach, versprochen!

Bis dahin wird Nils aus dem Garten eine hübsche Parkanlage gegärtnert, Linus und Ida ihr Lego im gesamten Haus verteilt und ich eine präsentable Schultüte gebastelt haben. Übermorgen ist Einschulung, wir sind flitzebogenmäßig gespannt und daten euch ab jetzt etwas regelmäßiger up. 

Es ist nämlich wunderschön, dass alles mit euch teilen zu können und es macht die Schätze in unserer Sammlung noch viel leuchtender uns vorzustellen, dass ihr mittanzt!

TRAUMREISE

Manchmal träumt man ja echt schräge Sachen. Morgens streckt man sich dann ganz verknittert in die Wirklichkeit hinein und putzt sich gründlich die Schlafkrümmel aus den Augen, aber die Bilder und Gefühle der Nacht bleiben. Manche Träume sind so eklig, dass man sie nur loswerden will, andere sind auf eine geniale Art viel schöner als die Realität und man versucht sie festzuhalten, solange es nur irgendwie geht.

Das Ida-Brain hat sich leider darauf spezialisiert, ganz schlimme Alpträume zu produzieren, weshalb sie fast jede Nacht etwas zerstört ins Elternbett purzelt. Ihre ausgeprägte Phantasie sorgt nämlich nicht nur dafür, dass sich tagsüber kleine Pappstückchen zu unterhaltsamen iPods verwandeln und sie stundenlang mit sich selbst und ein paar Muscheln, Steinen und Stöckchen sensationelle Geschichten ausdenken kann – sie hat auch gewaltige Nebenwirkungen. Zum Beispiel unerträgliche Ängste von herausfallenden Augen und vergifteten Tempos.

Neuerdings aber kann sie ihre Träume steuern! Denn da ist ihr dieser Mann im weißen Mantel erschienen, und der hat ihr einen Stab mit Bildern geschenkt, von dem man nur abschreiben muss, wohin die Reise gehen soll und dann wird die Traumrakete sofort dorthin gebeamt und alles ist gut. Letzte Nacht ist sie ihrem Alptraum entkommen, in dem sie sich zuerst in die „library“ und dann nach Hause, in die Wielandstraße, geflüchtet hat. Freundlicherweise hat der Verbündete seinen Stab sogar in ihrem „brain“ zurückgelassen. Einmal hat sie sich auch nach KOH KOOD an den Strand gewünscht, mit Sissy und Quirin. Witzig, ich glaube ich hab sie da getroffen.

Denn ich hatte neulich einen dieser Träume der Marke „too good to be true“, den ich nie wieder loslassen will und deshalb mit euch teile!

Aaaaalso… es war irgendwie eigentlich Winter, kurz vor Weihnachten, aber es war trotzdem superwarm und wir haben uns ausnahmsweise mal nicht im lustigen Virenkarusell umeinander gedreht. Ja genau, das allein is schon mal ziemlich absurd, aber es wird noch besser!

Als wäre es das normalste der Welt wurden wir vier in Herrgottsfrühe von dubiosen Fahrzeugen über eine merkwürdige Landesgrenze geschaukelt und mussten hochkomplizierte Formulare ausfüllen – wobei natürlich immer irgendwelche Infos gefehlt haben, fast, als wären durch jeden Kontrollblick des grimmigen Grenzbeamten neue Rückseiten und zusätzliche Felder aufgetaucht. Das typische Mathearbeit-Alptraum-Schemata. Nochmal anstellen. Schweißperlen zum Frühstück. Hm… warum dürfen die Frauen mit ihren Handkarren voll Ananas eigentlich einfach rüberlatschen? Egal, gebratener Reis. Lecker. Bus? ok, gerne! Boot?? Naja wenns sein muss..

Und dann schonfastgleich ein paar Sekundenstunden später stehen wir in Badehose und Bikini an diesem von Kokospalmen gesäumten Fototapeten-Strand und als wäre es das Selbstverständlichste der Welt warten da schon meine Schwester Sissy und Quirin mit ihren beiden Mädels auf uns. Sissy hat plötzlich noch ein zuckersüßes Baby auf dem Arm und Ava darf jetzt große Schwester sein. Hach, die kleine Coco.. ganz selbstverständlich guckt sie uns mit ihren wachen Knopfaugen an, als wär sie schon die ganze Zeit da gewesen! 

Und Luke, Kaline, Sascha und Ilsedore aus Berlin sind auch einfach da und eigentlich sind sie zwar Sissy und Quirins Freunde aber plötzlich sind sie auch unsere und wir trinken Cocktails aus Gläsern in Busenform umgeben von Sonnenuntergang.. Jetzt blooooß nicht aufwachen… come on Cortex, weiterträumen!

Unsere Paradieszeit plätschert gemütlich vor sich hin und das Riesen-Einhorn schaut uns wohlwollend dabei zu. Wir erkunden mit Kayaks die Bucht, lassen uns mit viel Öl durchkneten, planschen in türkisblauem Wasser und bauen lustige Sandschneemänner, lauter so Zeugs halt. Irgendjemand behauptet, es sei Weihnachten und weil wir das anstandslos glauben, kaufen wir in einem kleinen Kruschelladen ganz viel kitschige Deko, schmücken uns und den kleinen Busch am Strand und tun so, als wäre Heilig Abend. Klappt mittelmäßig gut. Is zwar sehr lustig, aber nichts fühlt sich nach Weihnachten an, mehr so nach Mojito und Green Curry. Kein Raclette, kein Lachs, keine Spur von Oma Elkes Nudelsalat, keine Geschenkemassiv das erklommen und entpackt werden will… aber das ist diesem Traum doch wurscht, der will nur dass es uns gut geht und das tut es. Rundum.

Der dicke Russe am Nebentisch war schon mittags so besoffen, dass er jetzt über seinem Abendessen einpennt, seine Begleitgirls wechseln den Tisch und feiern munter weiter. 

Und auf einmal haben wir alle brennende Khom Loy Laternen in der Hand und lassen sie zusammen mit unseren Wünschen übers Meer in die Dunkelheit schweben. Wir tun mal so, als hätten wir noch unerfüllte Wünsche und sinken dabei glücklich in den matschigen Sand.

Naja, jeder Traum hat auch seine kleinen Durchhänger, in dem Fall ist es der grauselige Schwarztee beim Frühstücksbuffet, der mich fast aus der REM-Phase haut. In dieser Kanne hängen jetzt seit 4 Tagen dieselben siebzehn Teebeutel! Es ist ein Wunder, dass sie noch über Restkraft verfügen, das lauwarme Wasser zumindest teeähnlich einzufärben.

Aber hoppla, wo sind denn Sascha und seine Mädels hin? Bestimmt weitergezogen auf die nächste Insel. Ok, wir müssen auch gehen. Irgendwo Schwarztee-Asyl beantragen. Paradis hin oder her..

Voilà, geht doch, man muss sich nur in ein schickes Yoga-Detox-Spa-Resort auf KOH CHANG einbuchen, und dann stimmt auch das Frühstückserlebnis. Das ist sogar so gut, dass man uns um 11:00 mit Bäuchen voller Müsli, Omelette, Porridge, frischen Früchten und allerfeinsten Curries raustragen muss. Schon gut, wir gehen ja schon. Nein! Wir schwimmen auf einer Welle aus köstlichem, frisch aufgebrühtem Schwarztee zu unseren Kayaks und paddeln ne Runde durch die Mangroven. Biounterricht bei Herrn Nolte. Wir lernen, dass diese krakenartigen Wurzelwesen zwei verschiedene Möglichkeiten der Fortpflanzung nutzen: Geschlechtlich und vegetativ. Erstes kennt man ja, auch wenn Pflanzen das irgendwie anders als Menschen machen, schon mit Samen aber ohne Spaß glaub ich, oder anders halt, naja egal.. und vegetativ? Also das ist, als würde ich dem Linus seine dreckigen Fingernägel schneiden, rumliegen lassen und dann wachsen daraus unter guten Bedingungen neue Linusse. Wären die dann dreckig oder sauber? Aber vielleicht erzähl ich auch Quatsch und hab das alles nur geträumt. Vermutlich vermehren sich Mangroven telephatisch. Bio war noch nie meine Stärke, ich geh lieber wieder mit Sissy zum Yogakurs. Dieser unfreiwillig ulkige Lehrer macht es uns allerdings schwer, nicht zu explodieren wie alberne Teenager. Aber er ist gut. Zu Sylvester wird er einen riesigen Reiskocher vom Management geschenkt bekommen, dieser kleine Gnom, der kaum was isst und wenn dann bestimmt Rohkost aus der Resortküche. 

Wieso Sylvester? Kann nicht sein. Die Außentemperatur beträgt 30°C und wir haben doch noch gar keine eitrige Angina!

Naja, irgendwas muss dran sein, denn die Mitarbeiter wirbeln schon ganz aufgeregt umher und verwandeln den Empfangsbereich mit selbstgebastelten Requisiten in eine lustige Unterwasserwelt. Auf unserem Tisch landet Essbares aus dieser Welt, dazu trinken wir mittelmäßigen Wein zu unangemessenen Preisen. Aufgedonnerte Zimmermädchen tanzen Videoclips nach, es wird Karaoke gesungen und die winzige Köchin führt einen anmutigen Tanz aus Nordthailand vor. Bei der Reise nach Jerusalem dürfen alle mitspielen. Ich nötige Nils „New York, New York“ zu schmettern und er nötigt mich mit der Mannschaft „fröhlichen Kreis“ zu tanzen. Dafür bekommen wir auch tolle Geschenke, gottseidank keinen Reiskocher. Der Wein zeigt seine Wirkung und wir tanzen fröhlich weiter, ohne Kreis, aber mit der gesammelten Belegschaft.

Plötzlich spaltet sich die Party, die Angehörigen haben sich um große Töpfe voller Essen versammelt und alle Mitarbeiter werden im Losverfahren und unter lautem Jubeln beschenkt. Gegen 23:00 wünscht man sich ein frohes neues Jahr und die Party is over. Hä?! Macht keinen Sinn, aber egal, träum weiter Eva. Nicht aufwachen, nur weil die Insel ausgebucht ist und wir nicht wissen wo wir morgen schlafen sollen.. es könnte noch eine Wendung kommen. Durchhalten. Ja warum denn nicht alle zu Acht erst mal in den Yogaraum ziehen?

Matratzenlager! Klingt nach Kindergeburtstag und Kicherattacken. Fühlt sich allerdings auch nach Ameisen-Pilgerwerg und Magen-Darm-Attacke an – das sucht man sich ja beides genauso wenig aus wie seine Träume. Immerhin haben wir jetzt unsere eigene Riesenterrasse direkt am Wasser und können heimlich den Mangroven beim Fortpflanzen zusehen.

Die Sehnsucht nach Sand und Salzwasser zieht uns zum Lonley Beach, der zwar ziemlich abgelegen aber gar nicht einsam ist, sogar Sascha, Kaline, Luke und Ilsedore sind schon da! Linus und Luke machen da weiter, wo sie aufgehört hatten, wir stoßen auf Ilsedores 71. Geburtstag an und sind immer noch beeindruckt von dieser frechen, weltoffenen, klugen, liebevollen Frau. 

Für später hat der Traumausstatter hat ein romantisches Bötchen organisiert, das im dramatischen Licht der tief stehenden Sonne die Freunde zurück in ihre Bucht bringen soll.

Wie durch ein Wunder finden wir nach zwei Nächten im Matratzenlager eine neue Unterkunft auf der anderen Seite der Insel, jetzt wohnen wir wieder am Strand. Und an der Straße. Und es gibt wieder Essen aus der Garküche. Und Massage. Und literweise „fresh juice“ mit Mango und Passionsfrucht. Die Zimmer rechts und links von uns werden vorwiegend von älteren, übergewichtigen Europäern (männlich) genutzt, die mit ihren überdurchschnittlich gut ausgestatteten, thailändischen Begleiterinnen dort geräuschvolle Nächte erleben. Wir unfreiwillig auch.

Und schwupps, hat uns schon wieder jemand einen Cocktail in die Hand gedrückt. Wir sitzen auf der Terrasse von Porns Bungalows und blicken aufs lila-rosa-goldene Meer. Diesmal nutzt ein Hundepärchen die Abendkulisse um vor unseren Augen ihren Fortpflanzungsakt zu inszenieren. 

(Ja gell, es häuft sich auffällig.. man könnte meinen Dr. Freud will uns was sagen, aber ich versichere, es gibt keine unentdeckte Schwangerschaft!)

Zurück ins Freiluftkino, hier verhacken sich gerade die beiden Hundetiere bei ihren Kunststücken und kommen partout nicht mehr voneinander los, was bei allen anwesenden Erwachsenen mit minimalen Empathiefähigkeiten zu schrecklichen Phantomschmerzen führt. Eines der Kinder hingegen kommentiert begeistert: Guckt mal, die Hunde machen Yoga!

Die Insel ist deutlich touristischer als KOH KOOD, über den Strand stapfen sogar lebendige Miniatur-Elefanten, die im Wasser mit Touristen rumspielen. Hä?! Was bitte?? …kleine Synapsenentladung im Frontallappen?

Das ist zu hart. Lieber nochmal die Insel wechseln. KOH MAK soll gut sein, sagt unsere Untermieterin. Im Traum hätte sie uns noch Miete bezahlt. Aber das ist dieser andere, lästige Alptraum, den wir leider grad nicht loswerden – so sehr wir uns auch strecken und nach Logik recken. Ach, Idchen, kannst du uns nicht mal jemand die Kontaktdaten vom Mann im weißen Mantel besorgen?

Ziemlich bedauerlich, dass KOH MAK gar nicht wirklich existiert, man würde sonst sofort dorthin auswandern. Jeden Abend im „banana sunset“ der Sonne eine gute Weiterreise wünschen, jeden Morgen verwundert feststellen, dass immer noch niemand die Karibik-Deko weggeräumt hat. 

Zwischendurch Ausschau halten, nach dieser Frau im weißen Flatterkleid und sich von ihr mit Raffaelos verführen lassen, bevor man von einem der hübschen Holzstege in den thailändischen Golf hüpft um sich in den Fischschwärmen vorübergehend aufzulösen. Man könnte auch einen Tauchschein machen bei dem sympathischen Typ der Abends im banana sunset die Livemusik liefert, oder mit dem Motoroller auf der Insel rumdüsen und nach einem Tag das gesamte Straßennetz und die Hälfte der Bewohner kennen.

Da so ein Bilderbuch-Paradies ja auch Arbeit macht, würde man sich jeden Samstag vormittag mit anderen Inselbewohnern, Wahl-KohMakkern und Touristen gelbe T-Shirts überwerfen und die Strände und Straßen des Königreichs aufräumen, danach gäbe es zum Dank für alle Helfer ein leckeres Lunchbuffet. 

Der Neuronen-Regisseur hat anscheinend mal wieder bewusstseinserweiternde Genussmittel konsumiert und danach diese durchgestylte, kleine Südseeinsel ein paar hundert Meter von unserem Hausstrand entfernt im Wasser liegen gelassen. KOH KHAM, das gibt’s wirklich gar nicht wirklich. Der weiße Sand wurde extra eingeflogen, er fühlt sich an wie quitschender Puderzucker zwischen den Zehen. Glaubt man den Mythen, hatte der reiche, russische Inselbesitzer lediglich die Baugenehmigung in Strandnähe. Aber wie das so ist mit der Gier und dem Übermut, wollte er heimlich noch ein klein bisschen mehr bauen. Dummerweise ist das jemandem aufgefallen und puff… aus der Traum mit dem Luxusresort, nix mit schickimicki Premium-Privatinsel. 

Gut für uns! In einem windstillen Moment paddeln wir rüber und stapfen in den fast fertigen Bungalows rum, es wirkt als hätte das Ensemble kurz vor der Premiere gekündigt, nur das Bühnenbild steht noch nutzlos rum. Was könnte man hier für spitzen Fotos machen! Videoclips! Man könnte aber auch einfach schlaftrunken zwischen den Lavabrocken rumschnorcheln und Mittzwanziger dabei beobachten, wie sie Instagram mit unoriginellen Angeberposen vollmüllen. 

Aber irgendwas flüstert mir, dass gleich der Wecker klingelt. Wahrscheinlich ist es diese bekloppte Fahrerin, die uns nach Ayutthaya bringen soll. Sie hat die unerträgliche Angewohnheit, das Gaspedal immer nur kurz anzustupsten und dann wieder loszulassen. Was soll das? Willst du, dass wir kotzen? Willst du uns alle aufwecken? Das ist nicht lieb, nicht, wenn man sechs Stunden lang machtlos hinter dir sitzt. 

Aber vielleicht ist das ja die Realität: Eine wechselwarme Taxifahrerin, die auch mal einen schlechten Tag haben darf und sich dann einen Dreck um dein Wohlbefinden schert.

Ehrlich gesagt, in den letzten Monaten wurden wir ganz schön verwöhnt, hatten fast nur angenehme, inspirierende Fahrten durch die Wirklichkeit. Und ein paar Highlight-Träume. Einen davon kennt ihr jetzt!

Komisch, ich werd das Gefühl nicht los, dass der nächste schon in der Pipeline steckt… mal gucken.

Nils hat meinen Traum übrigens verfilmt – fragt nicht, wie er DAS gemacht hat 😉

Neuseeland in 4 Akten

Uuuuaaaah es ist soweit, unsere allerletzte Woche in Motueka ist an- und, unsere Stimmung dementsprechend eingebrochen. Gerade hat man sich an dieses wunderbar unbeschwerte Kiwi-Leben gewöhnt, hat jedes Detailchen liebgewonnen und kann sich nicht vorstellen, schon bald freiwillig diese große Umarmung loszulassen. Ja, ich weiß, das klingt total kitschig und wenn ich jetzt weiter schreibe, dann wird das vermutlich noch schlimmer. Aber dann sind wir halt kitschig.

Wir leben ja auch seit 3 Monaten in einer Landschaft, die wahlweise an eine frisch gewaschene 80er Jahre Graziella-Bettwäsche erinnert, an Südsee-Oasen oder an alpine Filmkulissen für den Blockbuster „In einem Land vor unserer Zeit“.

Die Darsteller haben Umgangsformen wie Glücksbärchis, und als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, wirken die meisten dabei auch noch überaus zufrieden – kein Wunder, dass das auf uns abfärbt wie ein neuer roter Schal in der Weißwäsche.

Wobei das natürlich auch nur eine weichgezeichtnete Oberfläche sein kann, denn klar gibt es auch hier Probleme, soziale Unterschiede, Umweltkatastrophen und Kriminalität, menschen- und umweltfeindlichen Kapitalinteressen und eine reglementierte Einwanderungspolitik.

Aber eigentlich behauptet auch keiner, dass alles perfekt sei und es keine Probleme gäbe, man hat nur das Gefühl, dass sie nicht unlösbar sein sollen – nicht die eigenen, kleinen, nicht die großen, gesellschaftlichen.

Vielleicht ist es das, was wir spüren: der Wille und der Optimismus. Nach vorne schauen. Akzeptieren, dabei zusammenhalten – was bleibt einem auch anderes übrig, wenn unter dir die Erde wackelt oder das Nachbarhaus weggeschwemmt wird. Bestimmt ist auch die geringe Einwohnerdichte mit ein Grund, warum wir das Gefühl haben, dass hier jeder nach dem anderen schaut, weniger auf sein kleines Reich und sein isoliertes Wohlbefinden bedacht ist, als an einer funktionierenden Gesellschaft. Man muss dieses Projekt zusammen stemmen, das neue Land, weit weg von den alten, komplizierten Strukturen. 

Für uns, die Europa so lieben, die sich in der Tiefe unserer alten Kultur wiederfinden während wir uns gelegentlich in ihr verlieren; wir, die jeden Tag hilflos den Nachrichten folgen und mit einer latenten Verzweiflung im Bauch durch die letzten Jahre geirrt sind, die ganz verklebt davon sind; für uns ist das wie ein Durchatmen.

Naja, genug von meinen wirren Gedanken, sonst lest ihr gleich gar nicht mehr weiter…

Was genau wir in den letzten Wochen eingeatmet haben, das teilen wir mindestens so gerne mit euch, wie Maori ihren Atem beim Hongi!

Den 1. Akt kennt ihr ja zum größten Teil schon: 

wir haben unser Traumhäuschen bezogen und von der ersten Sekunde an jeden Winkel davon geliebt. Linus hockt die meiste Zeit in seinem Lego, Ida in dem großen Zitronenbaum und Nils mit den Scherenhänden in allen anderen Bäumen. Die Nachbarsziegen verwöhnt er mit Massagen und seinem Grünschnitt, während ich mir zwar eine Geige und ein paar Pilates DVDs ausgeliehen habe, mich aber immer wieder dabei ertappe, schon morgens über Verwöhnkonzepte in Form von Kuchen und drei-Gänge-Menues nachzudenken. Manchmal dient es eben nicht der Kreativität, sondern nur der Banalität, zu viel Zeit zu haben.

Ida gibt eine hervorragende Jungsschwester ab und spielt tapfer James-Bond-Action-Lego (ohne die geringste Ahnung von der Handlung zu haben), die beiden kochen zusammen Steinzeit-Suppe im Garten und haben ein neues Spiel erfunden, das sie „Rugby ohne Ball“ taufen. Und das endet garantiert jedesmal in Tränen (früher hieß das mal ganz einfallslos „raufen“). Jeden Morgen sammelt der Schulbus die Kinder ein und bringt sie zur Parklands School, wo sich Linus um die Schulhühner kümmern darf, alle Kinder täglich im Schul-Pool schwimmen und von einem imposanten Maori traditionelle Tänze und Songs lernen. Nur Englisch würden sie nicht lernen, meint Ida ganz enttäuscht nach einer Woche Schule. Wie gut, dass sie nach ein paar Wochen gar nicht mehr merkt, dass sie selbst Englisch spricht. Ganz ohne klassischen Unterricht.

Natürlich haben wir auch die Nachbarn rechts und links kennen gelernt, von den Österreichern wichtige neue Vokabeln gelernt (obi, aufi, ummi..) und von den Kiwi-Nachbarn motoradfahren. Abr dazu später mehr. 

Ein paar weitere Protagonisten kennt ihr ja auch schon, zum Beispiel Gaby und Allan, die uns auf dem Weg in ihren Campingurlaub an einem der ersten Wochenenden besucht haben. Zufällig kamen zeitgleich Heidi und Leo aus Amsterdam und wir haben das Carpentershouse kurzerhand vollgestopft und zum lustigen Hostel umfunktioniert. Für neuseeländische Verhältnisse ist unser 2-stöckiges Haus wirklich riesig, für unsere Verhältnisse viel zu groß um keinen Besuch zu haben! 

Im Grunde hat sich mit unserem Setting hier alle Hoffnungen vom kleinen Nilsi erfüllt, der sich als Schüler seine Zukunft folgendermaßen ausgemalt hat (und die Info haben wir dem genialen Nolte’schen Archiv zu verdanken): 

„Wenn ich mal groß bin will ich in einem schönen Haus am Waldrand leben, einen guten Job haben, einen Jungen und ein Mädchen und eine liebe Frau, die sich um die Kinder kümmert.“

Voilà! Ob er mich immer lieb findet, sei dahin gestellt, aber auf jeden Fall ist seine Vision ziemlich kongruent zu unserm momentanen Landleben, sogar an seinen eigenen Fortpflanzungsplan hat er sich gehalten. Bestimmt hat er sich damals nicht vorgestellt, dass unser Karmakonto unter diesen Umständen in null komma nix in die Miesen rutschen wird, wenn er mit seiner lieben Frau zusammen das Killerkomando „Stubenfliege“ gründen und mit Plastikklatschen bewaffnet hinter harmlosen Insekten herjagen wird. Vermutlich haben die Tierfreunde unter euch kein Verständnis dafür – aber es sind wirklich tausende, und sie sind dick und fett und haarig und kacken überall hin! Und sie kommen durch kleinste Schlitze herein geschlichen, finden aber partout nicht den Weg durchs sperrangelweit geöffnete Fenster in die Freiheit. Dusselige Viecher. 

Die anderen Tierwesen im Carpenters-Reich sind bei der Hausgemeinschaft deutlich beliebter, zum Beispiel die vielen einheimischen Singvögel, wie das Tui-Pärchen oder niedlichen Fantail Vögel, die durch den Garten jagen und Insekten aus der Luft schnappen. Oder auch der Eisvogel, der immer auf der Stromleitung hockt und bucklig dreinschaut, und natürlich die witzige Weka-Familie, die aussehen wie eine Mischung aus Huhn und Kiwi, sich in den Büschen verkriechen und ab und zu raus getrottelt kommen auf der Suche nach rumliegendem Essen – wenn grad keins rumliegt, entern sie auch mal die Mülltonnen. Neuseeländische Sagen berichten von Touristen, die auf ihren Trekkingtouren fast verhungert sind, weil diese Frechlinge ihnen den gesamten Proviant gemopst haben.

Aber kommen wir zum 2. Akt – darf ich vorstellen, die neue Hauptdarstellerin: GITA.

Nach zwei wunderschönen Urlaubstagen in TOTORANUI, einer dieser Bilderbuch-Buchten im Abel Tasman Nationalpark, erreicht uns die Nachricht, das der Cyclon Gita auf Neuseeland treffen und man sich selbst mal lieber in Sicherheit bringen soll. Gaby und Allan packen daraufhin spontan ihr handliches Hauszelt zusammen und ziehen wieder mit uns zusammen ins Carpenters House. Ziemlich kluge Entscheidung, denn Gita gießt so unfassbar viel Wasser auf einmal über das kleine Neuseeland, dass sich in wenigen Stunden kleinste Bächlein zu riesigen Strömen verwandeln und zusammen mit der zukünftigen Ernte der Forstwirtschaft die Berge runterdonnern. Das Wasser auf den Feldern vor unserem Haus steigt unaufhörlich, Tiere müssen in Sicherheit gebracht werden, ganze Grundstücke versinken im Schlamm. Unser Tal ist innerhalb kürzester Zeit zu beiden Richtungen abgeschnitten und wir haben kein Strom, Wasser, Internet mehr. Super-Nils und Action-Allan helfen einer alten Dame die überflutete Straße zu ihrem Haus zu überqueren und Nicky, unsere Nachbarin, rettet einige Fremdpferde vor dem Ertrinken. 

Es ist eine folgenreiche Nacht, denn noch wochenlang wir aufgeräumt, freigeschaufelt, neugebaut und weggebaggert. Überall türmen sich Schlammberge und bizarre Baumskulpturen bedecken den Strand – die schöne Graziella Bettwäsche sieht ein wenig so aus, als hätte sich ein trotziges Kleinkind mit Schere und Edding verewigt.

Die ganze GOLDEN BAY ist vom Rest Neuseelands abgeschnitten, da nur eine einzige Straße über den TAKAKA HILL führt, und die zählte schon vor den ganzen Landrutschen zu einer der gefährlichsten Straßen der Welt. (Hätte Linus’ Magen ein Mitspracherecht, er würde dieser Einschätzung sicherlich uneingeschränkt zustimmen.) Wie gut, dass unser Auto auf der Flucht aus TOTORANUI den Platten kurz vor dem Berg hatte und der Tankwart von TAKAKA uns schnell seinen privaten Wagenheber organisiert hat. Neuer Eintrag ins giono-Vokabelheft: „jack“ = „Wagenheber“. Man lernt eben täglich dazu.

Dank dieser Naturkatastrophe bekommen Linus und Ida kurzfristig Ersatzgroßeltern, was das Heimweh ein bisschen mindert und Nils und mir den allerersten Pärchenabend der Reise beschert. Wir dürfen nach Nelson auf ein unterhaltsames Konzert von DAN WELSH, einem britischen Banjospieler, und stellen erstaunt fest, dass sogar hier, am anderen Ende der Welt, das Publikum eines Folk-Konzerts in Altersdurchschnitt, Bildungsgrad und Ökoanteil exakt dem deutschen entspricht. Und wir sammeln wieder ein neues englisches Wort: „to overhear“. Kennt ihr das schon? Man denkt ja, es würde bedeuten „etwas zu überhören“ – aber das Gegenteil ist der Fall, es bedeutet „etwas aufschnappen“. Witzig, oder?

Der 3. Akt beginnt mit einem ganz besonderen Ereignis, das gleichermaßen absehbar wie frappierend ist: Unser Kind hat Geburtstag. Nein, Linus, du bist nicht tatsächlich schon 11 Jahre bei uns??! Unfasslich! Das war die beste Idee überhaupt, keine Millisekunde von dem Leben mit dir würden wir jemals wieder hergeben. Und wir würden sofort wieder die Rucksäcke packen und mit dir die Augen aufreißen um die Welt reinzulassen!

So langsam spüren wir, dass sich ein neuer Gast anmeldet, Madame Routine will auch bei uns einziehen. Und sie tut gut. Auch wenn die Zeit plötzlich immer schneller vergeht und man ständig über den was-schon-wieder-Freitag??-Gedanken stolpert. Tja so ist das, man tauscht Action gegen Alltag, bekommt dafür mehr Ruhe aber auch weniger Intensität. Oder eben eine andere. Man hat einen Büchereiausweis, trifft Bekannte auf der Straße, findet im Supermarkt auf Anhieb das Lieblingsbier, räumt gefühlt viermal am Tag die Spülmaschine aus, geht regelmäßig joggen oder in der Hängematte baumeln und freut sich jeden Tag wie verrückt, wenn der Schulbus zwei fröhliche Kinder vor unserer Haustür ausspuckt.

Mit unseren Nachbarn haben wir den Jackpot gezogen, sie sind nicht nur unglaublich nette Menschen, wir dürfen auch ihr Gemüsebeet, das Trampolin, die Säge, ach.. eigentlich den ganzen Besitz mitbenutzen. Und so kommen wir zu unserer ersten und einzigen Wellnesserfahrung in Neuseeland: ein Entspannungsbad in seiner exklusiven Outdoor-Holzfeuer-Suppe!

Neben Pferden, Wellensittichen und Ziegen besitzt Craig noch eine riesige Sammlung an Motorrädern sowie das entsprechende Gelände, dass er und sein Sohn Fletscher zu ihrem privaten Abenteuerspielplatz umfunktioniert haben. Und obwohl Ida ihren Lehrer gleich zweimal über den Haufen gefahren hat, dürfen die Kinder jederzeit hinterm Haus ordentlich rumknattern. Vorallem Linus ist völlig fasziniert von seinem neuen, mega-maskulinen Hobby – schaumermal ob er den Weg jemals wieder an die Balletstange findet.

Manchmal unterbrechen wir unseren neuen Trott auch mit kleinen Ausflügen und Mini-Urlauben. Wir hören von dieser Bucht in den Marlborough Sounds, in der es nur einen einfachen Stellplatz gibt und wo kaum einer wohnt, außer ein paar Duzend Stachelrochen. Worauf warten wir? Zelt einpacken und ab nach ELAINE BAY, Stachelrochen bestaunen, wie sie ganz unbeirrt und unendlich elegant durchs Wasser gleiten. Eieiei.. da hat die Natur aber mal wieder mit zwanghaftem Perfektionismus gestaltet.

Unser Biolehrer verliert sich regelmäßig in dieser Schönheit, vor allem wenn er mit Begeisterung seine botanische Karteikartensammlung fotografiert, weshalb wie ihn dann auf unseren Wanderungen oft kurzfristig verlieren und über irgendeinem Moos hängend wiedertreffen.

Einmal lassen wir uns auch mit dem Schiff nach ANCHORAGE BAY im Abel Tasman Nationalpark bringen, wieder eine dieser Buchten, wie man sie aus Werbebroschüren für Neuseeland kennt: Knallgelber Strand, saftiger Urwald und tiefblauer Himmel. Die Invasion der Kayakflotten würde man manchmal gerne weg retuschieren, andererseits behauptet ja Broschüre, dass Neuseeland ein Geheimtipp sei.

Unser Zelt ist nach wie vor zu klein und die Nacht eigentlich zu kalt, aber wen juckt das schon, wenn man dafür tagsüber in einer Immobilie aus Treibholz hausen darf? Na also. 

So rutschen die Wochen dahin, Linus und Ida sind richtige Kiwi-Kinder geworden, die am liebsten in „gumboots“ rumlaufen und sich gerne und oft „shut up“ zurufen. Einmal die Woche bringen wir sie zu Carolines Riding School, Nils kauft sich einen zweiten Laptop um in Ruhe an seiner Musik zu basteln und ich verzweifle an den paar Tonnen Fotomaterial, die sich in den Monaten druckfreier Faulheit angehäuft haben.

Manchmal frag’ ich mich, ob man nicht ambitionierter sein müsste. Ob man nicht nur von Tag zu Tag krabbeln und seine Freiheit genießen sollte, sondern irgendwas Richtiges, so im Sinne von nachhaltig, fokussieren müsste. Ein neues Projekt ausdenken, an der eigenen Zukunft feilen, eine millionenschwere Geschäftsidee entwickeln, kreatives Neuland betreten, die Welt verändern und zu sich selbst finden. Stattdessen machen wir lange Spaziergänge, auf denen wir an theoretischen Ansätzen kratzen ohne wirkliche Konsequenzen zu verfolgen. Manchmal wälzen wir Ideen, wie wir uns beruflich verändern wollen oder wie ich endlich mal zu einer Altersvorsorge kommen könnte, aber dann verlässt uns wieder die Lust aufs Erwachsensein und wir pusten uns Seifenblasenpläne für die nächste Reise.

Vielleicht brauchen wir ja grad gar keine Ambitionen, vielleicht haben wir diese Reise ja nur der Reise wegen gemacht, um zusammen zu sein, nicht um irgendwas daraus zu machen… Wer weiß.

Leider müssen wir uns trotzdem ständig mit dem echten Leben auseinandersetzten, denn seit Monaten schon zahlt unsere merkwürdige Untermieterin in Wiesbaden keine Miete mehr, weil ihr Sohn angeblich Angst in unserer Wohnung hat. Hallo??! Wofür macht man denn Verträge?

Ausgezogen ist die Dummnuss auf jeden Fall trotzdem nicht. Glotzt fröhlich unser Netflix und ignoriert jegliche Nachrichten, sogar die des Rechtsanwalts. Wir vermuten, dass sie sich selbst leid tut und sich in ihrer Opferrolle suhlt. Jaaaa, das ist ganz schön strange… das muss man nicht verstehen. Wir haben es ein paar Wochen lang versucht, auch um einen Rechtsstreit zu umgehen.. Statt regelmäßigen Mieteinnahmen haben wir nun leider nur eine nervige Auseinandersetzung mit einem schlecht erzogenen Phantom am Hals. Am allermeisten ärgern wir uns aber darüber, dass sie es geschafft hat uns diese wertvolle Zeit wegzufressen, sich reinzumogeln in unsere Erfahrung, für die wir soviel gespart haben und die eigentlich nur uns gehören sollte..

Wenn das Schicksal lieb ist, wird es uns für diesen Alptraum entschädigen. Wie wäre es mit einem unbeschreiblich schönen Traum? Zum Beispiel, dass wir plötzlich ganz viele Babyhasen besitzen, oder die Bekloppten dieser Welt über Nacht zur Besinnung kommen.. oder… ich wage es gar nicht zu wünschen.. dass Jule und Richard uns besuchen kommen?!?

Es gibt sie anscheinend, die Entschädigungs-Abteilung: Knall, puff, peng.. Glitzer fliegt durch die Luft, die Rauchwolken verschwinden und vor uns stehen Jule und Richy. Wahrhaftig und in 3D. Alles Zwicken bestätigt uns: dieser Traum ist wahr, 10 Tage lang Carter-Kühns in da house! 

Und da für die Kinder Osterferien anstehen, suchen wir uns schnell eine Hütte in den abgelegenen Wetlands bei MANGARAKAU, ganz am Ende der GOLDEN BAY und dann nochmal weiter bis ans gefühlte Ende der Welt. Und es ist so umwerfend schön. Alles… die Flaxfelder, die Lichtstimmungen, die Dünen, die Kulisse rechts und links der Straßen und dann dieser Strand: WHARARIKI BEACH, eines unserer absoluten Highlights des letzten Neuseeland Aufenthalt.  Bestimmt kennen manche von euch diesen imposanten Windows10 Bildschirmhintergrund – was der allerdings verheimlicht, sind diese süüüüüüüüßen Robbenbabys, die sich bei Ebbe in den kleinen Wasserbecken tummeln. Ganz wild und verspielt, trotzdem irgendwie zutraulich. Wer da nicht wegschmilzt wie Eis in der Sonne, mit dem stimmt was nicht. 

Ganz beglückt schrauben wir uns wieder über den Takaka Hill zurück Richtung Motueka und genießen die letzten Tage zu sechst in vollen Zügen – was war das doch für eine köstliche Kirsche auf unserem Sabbathjahr-Sahnehäubchen!

So langsam wird uns bewusst, dass es bald Vergangenheit sein wird, dieses Jahr, das lange wie ein unausgepacktes Geschenk vor uns lag. Tja, und jetzt kennen wir den Inhalt fast komplett und aus der Vorfreude sind Erinnerungen geworden. Es ist ein merkwürdiges Gefühl sich langsam auf den Abschied vorzubereiten.

In unserer letzen Woche dürfen wir nochmal einen Tag lang die Parklands School besuchen, Nils hospitiert in den oberen Klassen und ich spiele Mäuschen in Idas Klasse, mache Fotos und Filmchen, um die Erinnerung für sie festzuhalten. In jedem Term (Schuljahresviertel) gibt es ein übergeordnetes Thema für die ganze Schule, wie ein Grundton, der unter allen Unterrichtsinhalten liegt. Diesmal war es „I’m a learner“ – wie passend. Was unsere beiden Kinder alles gelernt haben ist echt unbezahlbar. Im nächsten Term wird es „I can be creative“ sein und ihr könnt euch bestimmt vorstellen, wer dafür gerne noch geblieben wäre…

Beide Kinder sind so sehr in ihren Klassen angekommen, dass ihre Lehrerinnen sie ungern hergeben, zu allem Überfluss hat der Schulleiter Nils dann auch noch einen Job angeboten, mannmannmann, die machen uns den Abschied echt nicht leicht.

Aber nein, wir freuen uns auch aufs Weiterreisen und natürlich auf Zuhause, auf alle Freunde und die Familie, auf den Sommer in Deutschland, aber wir reservieren uns diesen Platz hier mit einem riesengroßen Strandhandtuch und hoffen einfach heimlich, dass eines Tages unsere Familien und Freunde mit uns hierher auswandern und wir dann glücklich und zufrieden bis ans Lebensende zusammen Kirschen für unsere Sahnehäubchen sammeln.

Next Stop: Australia

„Wir hätten dann gerne einmal die XXL-Tüte mit den Glücksbärchis.“

„Die mit der leichten Meersalzkruste und dem Sonnenteint?“

„Oh ja, klingt großartig!“

„Null Problemo. Wollt ihr auch unseren Klassiker, das Koala-Känguru-Papagei-Kombipaket? Spinnen und Schlangen haben wir rausgenommen, haben die Verkaufszahlen negativ beeinflusst. Aber mit bisschen Glück mischen sich manchmal auch Delfine, Flughunde und Opossums drunter, wie gesagt, Augen aufhalten, ne!“

„Gekauft. Was hätten sie denn sonst noch so? Wale?“

„Na Froilein, wer hat bei euch denn die Reiseplanung gemacht? Det weiß man doch, die kommen erst später. Aber dann! Mit Kind und Kegel, spektakulär.

„Achso, schade, naja beim nächsten Mal dann.“

„Ui, Fortsetzung folgt also, das wissen wir jetzt schon?“ „You never know. Aber jetzt würden wir erst ma gern rein.“

„Alles klar. Visa habta?“

„Yep“

„Erst mal Melbourne?“

„Exactly!“

„Dann Great-Ocean Road, danach die Küste hoch bis Sydney, Byron Bay, Brisbane, Sunshine Coast…?“ (gääähn)

„Was denn? Nicht originell genug oder was?!“

„Schon gut Schnappi. Den Kaptain-Cook-Entdecker-Orden gewinnt ihr damit nicht, is aber ne wunderschöne Strecke, echt wahr.“

„Danke für den Segen. Wir entdecken dann jetzt mal MELBOURNE!“

Obwohl es schon dämmert ziehen wir gleich los und unsere innere Wünschelrute zeigt uns zielstrebig unsere neue Lieblingsstraße: Smith Street. Vintageklamotten, Kneipen mit Livemusik, Plattenläden, Rooftopbars, Essen in allen Facetten, putzige Boutiquen und verrückte Friseure, das Ganze mit improvisiertem Charme und ordentlich Leben. In die Bars kommt man mit Kindern leider nicht rein, irgendwie haben die Australier da entsprechende Gesetzte, deshalb recken wir die Hälse zu den stimmungsvoll beleuchteten Rooftops, hören uns Bands von der Straße aus an und kaufen das Bier im Supermarkt. Dieses Viertel von Melbourne gefällt uns so hervorragend, dass es den Abschiedsschmerz direkt etwas betäubt.

Ausgehungert landen wir in einem winzigen Thai-Laden, bekommen Tom Kah Gai und das wohl beste Massaman Curry seit langem serviert. Mit jedem Bissen fliegen wir gedanklich weiter zurück, in die Anfangszeit unserer Reise, als wir uns täglich auf Plastikstühlchen neben offenen Küchen sitzend durch fremde, duftende Speisen probiert haben. Da war das alles noch so neu – mittlerweile ist es ein Teil von uns geworden.

Am nächsten Tag schlendern wir durch einen wunderschönen Park, wo Ida seit langem mal wieder auf eine Gruppe chinesischer Touristinnen trifft und souverän ihren obligatorischen Fototermin absolviert, arbeiten uns durch die geschäftigen Innenstadtstraßen, bewundern Straßenkünstler und eindrucksvolle Schülerarbeiten im NGV Museum. Widerstandslos lassen wir uns von einer Duftfahne fesseln und haben wenige Sekunden später riesige Teller voll indischer Köstlichkeiten vor der Nase. Melbourne macht es uns echt leicht. Die Stadt wirkt trotz ihrer Größe so entspannt, so freundlich und bunt. Linus‘ und Idas, in der Theorie eher faulen Füße tragen sie jetzt ganz tapfer stundenlang durch die Großstadt und wir sind immer wieder tief beeindruckt, wie selbstverständlich und flexibel sie diese ganze Sabbathjahr-Nummer mitmachen.

Nach einer kleinen Ruhepause im Skatepark am Fluß hechten wir schnell wieder zurück in unser Viertel, wo schon ein ganz besonderes Date wartet: Unsere Musikerfreunde von „cara“ sind auf Australientour und haben sich für heute Nacht in unser Hotel eingebucht!

Die Nacht wird erwartungsgemäß sehr lustig, beginnt beim Vietnamesen und endet auf Umwegen über den Getränkemarkt dann im Hotelzimmer. Zwischendurch versuchen wir mit einem von Gudrun perfide ausgeklügelten Plan doch noch die Kinder in eine Kneipe zu schmuggeln, was aber nach dem ersten Drink leider auffliegt. Dafür gesellen sich irgendwann Marc-Uwe-Klings Psychiater und Horst Schlemmer zu uns, was vor allem bei Linus und Ida zu mitternächtlichen Lachanfällen führt. Ein weiterer Beweis dafür, dass es durchaus Sinn macht, Kinder schon früh zu Partytigern zu erziehen: Feste feiern, wie sie fallen. Bis zum Schluss, alles andere wären verpasste Lachtränen.

Gudrun hat mir ja überhaupt erst „richtig“ Geige spielen beigebracht und genau genommen ist sie sogar schuld daran, dass Nils und ich uns damals in diesem kalten, irischen Winter ’98 kennengelernt haben. Sie hat mich da hingeschleift, ohne sie gäb’s das alles hier also gar nicht! Und während wir zusammen durch die Straßen ziehen fällt mir auf, dass ich sie jetzt schon länger kenne, als ich sie nicht kennen. Ja, so weit sind wir im Leben, dass macht Eindruck. Beruhigend ist allerdings, dass es sich mit ihr immer noch genauso anfühlt wie 1998.

Mit einem kleinen Partykater im Kopf bummeln wir durch Chinatown, über den Queen-Victoria-Market und besuchen im riesigen Melbourne Museum die Ausstellungen zur Tierwelt und den Ureinwohnern Australiens, den Aborigines. Weiter kommen wir leider nicht, haben in unsere Tagesplanung mal wieder nicht mit einkalkuliert, dass hier alles um 17:00 schließt, kurz darauf die Sonne untergeht und man sich dann ein bisschen fühlt, wie der letzte Gast auf der Tanzfläche, während um einen rum schon aufgeräumt wird. Wie gut, dass wir schon wissen, wo jetzt noch leckere Curries gekocht werden!

Dass die Australier mindestens genauso aufgeschlossen und verquatscht sind wie die Neuseeländer, fällt uns sofort auf. Aber dass wirklich jeder, mit dem man in einen Smalltalk rutscht eine Berufung zum Touristenführer verspürt, ist eine ganz neue Erfahrung. Da ist sogar noch mehr: Es ist fast, als stünde in ihren Vertragsbedingungen, dass man Fremde möglichst wie Freunde zu behandeln hat und doch bitte unverzüglich mit persönlichen Tipps versorgen soll. Zuerst sind sie interessiert, wer du bist, von wo nach wo und wieso… um dann mit ihren eigenen kleinen Lieblingsorten rauszurücken oder gleich die restliche Routenplanung zu machen. Da ist zum Beispiel der Fensterputzer in Getrude Street, der erst mit uns schäkert, dann kurz von seinem Glauben erzählt, um uns schließlich den köstlichen Libanesen und die beste Pizzeria zu empfehlen. Oder der Obstmann, der köstliche Erdbeeren ausliefert (die wir vermutlich etwas zu lange mit etwas zu offenen Mündern und sabbernden Augen anstarren), uns daraufhin ein schönes Ausflugsziel empfiehlt und uns seine halbe Wagenladung schenkt: kiloweise frische Erdbeeren, Maronen, Feigen, Trauben… Paradis. Einfach so, mitten auf der Straße. Mit einer Steige voll frischem Obst und einem ungläubigen Grinsen auf den Lippen kaufen wir uns noch einen Schimmelkäse und freuen uns schon auf Feigen zum Frühstück.

Den letzten Tag in Melbourne verbringen wir zuerst im Shopping-Center um neue Schuhe für Nils zu kaufen (ein zehrender Prozeß, denn die giono-Basis muss mehrheitlich zustimmen – eine der symbiotischen Nebenwirkungen dieser Reise) und dann ganz entspannt mit Richards Bruder David, der mit uns durch St. Kilda und den lustigen Luna-Park schlendert. Ein Vergnügungsort der schon seit 1913 Besucher durch das aufgerissene Riesenmaul in die Welt von Achterbahn und Gruselkabinett lockt. Heute verschlingt er außerdem ziemlich viele Dollar für jede einzelne Fahrt, und weil wir fürs Kotzen ungern bezahlen, gucken wir nur, staunen und gehen dann lieber ein leckeres Eis essen.

Ja, so war Melbourne. Es fühlt sich ganz anders an, als Neuseeland, sieht ganz anders aus, riecht anders. Obwohl es eigentlich so nah dran ist. Aber während man sich in Neuseeland scheinbar losgelöst von allen Verknotungen dieser Welt von dieser regenbogenfarbenen Exil-Seifenblase tragen läßt, hat man plötzlich das Gefühl, dem Rest der Welt wieder viel näher zu sein, mehr Teil davon zu sein. Im Gegensatz zu den vergangenen Monaten voll Alltag und Vertrautem, mit viel Zeit zu zweit, liegt jetzt wieder eine Zeit voller Abenteuer und Ungewissheit vor uns. Und viel Zeit zu viert. In unseren Händen liegt dieses weiteres Teilchen unseres großen Sabbathjahr-Puzzels und wir haben nun ein paar Wochen Zeit, seinen richtigen Platz zu finden. No problem, ich würde sagen, erst mal ab ans Meer, oder?!